Virtual Boy im Hardware Check

Völlig überraschend hatte Nintendo in seiner letztjährigen September-Direct die Rückkehr des Virtual Boys angekündigt. Seit dem 17. Februar dürfen Besitzer einer Nintendo Switch mit entsprechendem Abo und Zubehör selber in die 3D-Welten der rot-schwarzen Flop-Konsole eintauchen und sich ein Bild davon machen. Wir haben die Neuauflage ausführlich getestet und auch den Vergleich mit dem Erlebnis des Originals gezogen.

Mitte der 90er erlebte die bis dahin erfolgsverwöhnte Firma Nintendo mit dem Virtual Boy ihren ersten grossen Flop. Die ebenso kurze wie bewegte Geschichte des 32-Bit-Systems könnt ihr unserer ausführlichen Reportage nachlesen. Für etliche Jahre danach wurde der Virtual Boy seitens des Herstellers quasi totgeschwiegen. Und nun, fast genau 30 Jahre nach dessen Aus, feiert er eine Art Wiederauferstehung.
Nintendo Switch X Virtual Boy
Am 12. September 2025 kündigte Nintendo an, dass der Virtual Boy mit ausgewählten Spielen zukünftig das Sortiment des Nintendo Switch Online Expansion Packs bereichern wird. Doch um das Angebot auch sinnvoll nutzen zu können, ist eine zusätzliche Hardware erforderlich.

Diese gibt es in zwei Varianten: Eine Replika des Virtual Boys für rund 80 Euro, sowie eine kostengünstige Kartonbox für rund 20 Euro. Beides ist exklusiv im Nintendo Store erhältlich. Das Zubehör dient als Halterung für die Nintendo Switch oder Nintendo Switch 2 Konsole. Die Switch Lite hingegen wird nicht unterstützt. Kleiner Fakt am Rande: Wer ein Nintendo Labo VR Kit besitzt, der kann auch mit damit die VB-Spiele in 3D-Zocken.

Aufbau & Einrichten
Im Fokus unseres Tests ist die teurere Variante mit Standfuß. Die Größe entspricht 1:1 dem Originalsystem, der Ständer kann sogar mit der Originalkonsole verwendet werden – nicht jedoch umgekehrt. Grund ist eine Vorrichtung, welche auf der Unterseite der Replika angebracht ist. Switch-2-Besitzer können direkt das montierte Element nutzen, wer eine Switch-1-Konsole verwenden möchte, der muss mittel Kreuzschraubenzieher das Kunststoffteil durch das beiliegende Element für die erste Switch austauschen.

Das Gehäuse selber bietet alle Details des Original-Virtual-Boys. Sämtliche Schalter und Anschlüsse sind auf dem Plastikkasten originalgetreu abgebildet, bleiben aber ohne Funktion. Mit einem einfachen Handgriff wird das Hauptelement auf den Standfuß geklickt. Durch einen Druck auf die schwarzen Stellen neben der Augenblende öffnet sich das Gehäuse und die Switch-Konsole kann (im Gegensatz zu den Kartonlösungen ohne JoyCons) eingesetzt. Mit Schließen des Deckels verschwindet die Switch im System, ragt am unteren Rand des VR-Aufsatzes jedoch etwas hinaus.

Bevor die Konsole eingelegt wird, empfiehlt es sich die Virtual-Boy-App bereits zu starten, da das normale Switch-Menü durch die Brille nur mühsam bedient werden kann. Die Software selber wird direkt im VR-Modus geöffnet und kann fortan durch die Linsen der Replika betrachtet werden. Ein Abspielen in normalem 2D ist nicht möglich. Gesteuert wird mit dem Controller eurer Wahl. Bevor es losgeht, gilt es erst einmal die Darstellung an eure Augen anzupassen. Die IDP (interpupilläre Distanz) kann in mehreren Stufen reguliert werden, dass der 3D-Effekt für den Spieler angenehm erscheint.
Rot-schwarzes Spielerlebnis
Das Spielemenü präsentiert beim Blick durch die roten Fensterchen des Lichtschutzes die vorhandenen Games mit US-Box-Arts in rot-schwarz inklusive 3D-Effekt. Nutzer des Labo VR Kits sehen die Auswahl sogar in Farbe. Das ändert sich mit dem Start eines Spiels, diese werden in klassischem rot-schwarz inklusive überraschend gut funktionierendem 3D-Effekt dargestellt. Wie für Nintendo-Switch-Online-Apps üblich könnt ihr auch bei den Virtual-Boy-Spielen Save-States nutzen und das Spielgeschehen zurückspulen. Auch die Tastenbelegung kann frei zugeordnet werden.

Wer im laufenden Spiel die Einstellungen anpassen möchte, der kann diese jederzeit durch einen längeren Druck auf den rechten Stick aufrufen und neben dem IDP-Wert auch die Bildschirmgröße anpassen. Während auf der Switch 2 der Screen auch vergrößert werden kann, ist bei der ersten Switch nur ein Verkleinern des Bildes möglich. Mittels längerem Druck auf den Home-Button kann die Helligkeit und die Lautstärke reguliert werden. Wollt ihr die Spielesession beenden oder die Konsole ausschalten, klappt dies leider nur durch Herausnehmen der Switch: Über den Touchscreen müsst ihr das Beenden des VR-Modus jeweils bestätigen, bevor die Konsole in den Standy-Modus geschickt werden kann. Und leider muss durch den identischen Aufbau der Replica bei längerer Nutzung mit Nacken- oder Kopfschmerzen gerechnet werden. Hier wäre eine Verbesserung wünschenswert gewesen.
Optische Eindrücke
Nintendo hat bereits angekündigt, dass zukünftig weitere Farben durch Updates als Alternative zu den Rotschattierungen hinzugefügt werden. Durch Entfernung des Lichtschutzes (inkl. der integrierten roten Linsen) kann das Spielgeschehen in gelb, grün und auch weiß dargestellt werden.

Vom Farbenspiel abgesehen unterscheidet sich das visuelle Erlebnis auch je nach genutzter Switch-Version. Die alte Original-Switch schneidet im direkten Vergleich erwartungsgemäß am Schwächsten ab. Auf der Switch 2 kann das Bild größer dargestellt werden und punktet mit kräftigerem Rot. Am besten schneidet jedoch die OLED-Variante der Switch 1 ab: Ein sattes Rot vor einem klaren, nicht beleuchteten Schwarz plus der optimalen Größe des Screens sorgt für eine klasse Darstellung der 3D-Titel.
Doch in allen Fällen gibt jedoch auch gewisse Mängel: Der Bildschirmausschnitt ist zu gross, so dass gerade im Menü oder auch die eingeblendeten Steuerelemente außerhalb des Blickfeldes sind. Im Spielgeschehen selber wird das Bild in Nähe des Randes unscharf. Wer dies durch Ändern des Bildschirmgröße beheben möchte, der wird ebenfalls enttäuscht: Alles, was nicht der Standardgröße entspricht, wirkt durch verzerrte oder gestauchte Pixel direkt unscharf.
Der Vergleich mit dem Original
Bleibt noch die spannende Frage, ob die Switch-Neuauflage des Virtual Boys an das Original herankommt. Um die Antwort vorwegzunehmen: nein, nicht ganz. Zwar ist die Darstellung des Bildschirms beim 1995er-VB einiges kleiner als bei der Switch, dafür punktet sie mit einer knackigeren Schärfe, deutlich intensiveren Rottönen und wesentlich dunklerem Hintergrund. Das führt zu einem deutlich ausgeprägteren Tiefeneffekt und 3D-Erlebnis, bei dem die Switch-Version nicht mithalten kann. Dazu konnte der IDP-Wert und auch der Focus direkt an der Hardware stufenlos reguliert werden.

Die Hardware an sich ist äußerlich weitgehen identisch. Einer der wenigen Unterschiede betrifft die Augenblende. Die neue, stoffige Variante fühlt sich etwas wertiger an, jedoch ist der untere Teil nicht durchgängig bis zur Mitte. Dies ist wohl dem abnehmbaren Lichtschutz geschuldet. Durch diese Lücke dringt von unten Licht aus der Umgebung ins Innere des Guckkastens und kann die 3D-Sicht beeinträchtigen. Die eher filzige und auch austauschbare Blende des Originals dunkelt das Bild weitaus besser ab und fühlt sich bei der Nutzung etwas angenehmer an.
Die Spieleauswahl
Wie immer braucht Hardware auch entsprechende Software, Zum Abschluss werfen wir daher noch einen Blick auf die Spiele für den Switch-Virtual-Boy. Zum Start der NSO-Erweiterung geben sich folgende 7 Virtual-Boy-Klassiker die Ehre:
- 3-D TETRIS: Ein Puzzler mit bekanntem Namen und leicht geänderter Spielidee: statt Linien werden hier Flächen ausgefüllt. Ganz neu war das damals schon nicht, das Spielprinzip wurde bereits Ende der 80er durch den Titel Blockout etabliert.
- Galactic Pinball Eine unterhaltsame Sammlung von vier Flippertischen mit Space-Thematik. Auch Metroid-Elemente feiern einen kleinen Cameo-Auftritt. (Hier geht’s zum Test)
- Golf Statt über ein saftiges Grün wird der Ball in dieser durchschnittlichen Golf-Simulation über eine rote Fläche befördert.
- The Mansion of Innsmouth Der bisher japanexklusive Titel gibt sich als klassischer Dungeon-Crawler in einem Spukhaus. Unterteilt in einzelne Levels, gilt es unter Druck jeweils den Ausgang zu finden.
- Red Alarm Die Einflüsse der StarFox-Reihe sind nicht zu übersehen. Ein spannendes 3D-Shoot’em Up mit Drahtgitteroptik, die teils etwas unübersichtlich wirken kann.
- Teleroboxer Ein spassiger Punch-Out!!-Verschnitt mit Robotern, der Taktik und Reaktionsschnelligkeit erfordert und dazu noch mit coolen Effekten punktet.
- Virtual Boy Wario Land Warios VB-Abenteuer bietet unterhaltsame Hüpfkost, hervorragende Spielbarkeit und stellt das Highlight des Virtual-Boy-Sortiments dar. (Hier geht’s zum Test)

Für den weiteren Jahresverlauf hat Nintendo zusätzlichen Softwarenachschub in Aussicht gestellt. Folgende Spiele wurden dabei angekündigt:
- D-Hopper (bislang unveröffentlicht)
- Mario Clash
- Mario’s Tennis
- Jack Bros.
- Space Invaders Virtual Collection
- Vertical Force
- Virtual Bowling
- V-Tetris
- Zero Racers (bislang unveröffentlicht)

Damit wären 14 der insgesamt 22 veröffentlichten Virtual Boy-Spiele im NSO Expansion Pack erhältlich. Besonders erfreulich: Mit D-Hopper (ursprünglich angekündigt als Dragon Hopper) und Zero Racers erblicken zusätzlich auch zwei damals gecancelte Titel doch noch das Licht der Videospielwelt.
Fazit
Die Wiederbelebung des Virtual Boys ist Nintendo durchwegs gelungen. Das Spielgeschehen wird akkurat wiedergegeben und ermöglicht es endlich auch Nicht-Besitzern des Systems die alten Klassiker in 3D zu erleben. Zwar wird das Original nicht ganz erreicht, aber alleine die Tatsache, dass es für den retroaffinen Switch-Besitzer die Möglichkeit gibt, den Virtual Boy nah an seiner ursprünglichen Form zu erleben, verdient großes Lob. Über die kleineren Beanstandungspunkte lässt sich locker hinwegsehen. Dass man hingegen in Sachen Ergonomie keine Verbesserung angestrebt hat, ist leider eine verpasste Chance.
verfasst von „Seppa“
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Letzte Aktualisierung: 21.02.2026, 16:29 Uhr









