
Narita Boy
Ein Pixelabenteuer mit 80s Flair und der dazu passenden Synthesizermusik. Eine Spielbeschreibung, die aktuell auf viele Indiegames zutrifft. Wenn sich aber der namhafte “Worms“ & "Overcooked" Publisher Team17 die Ehre gibt, dann riskiert man gerne dennoch einen Blick. Und siehe da: Narita Boy weiß den Spieler zu überraschen. Ob es aber für eine Kaufempfehlung reicht, klärt der Test.

Narita Boy
NSW
- Genre
- Action-Adventure
- Entwickler
- Team17
- Publisher
- Team17
- Konsole
- NSW
- Spieler
- 1 lokal
- Freigabe
USK ab 16
Man könnte meinen es gäbe aktuell nur zwei Sorten von Spielen. Die großen AAA Titel, die frei nach dem Motto „Größer! Schöner! Lauter!“ agieren und die Indietitel, die seit vielen Jahren schon, die Retrowelle reiten, dass man ihrer fast schon überdrüssig wird. Aber eben nur fast. Immer wieder schaffen es Entwickler dem Altbewährten etwas Neues hinzuzufügen und so ein Kleinod zu schaffen, dass zwischen all den riesigen Kollegen durch seine Schlichtheit oder seinen Ideenreichtum zu gefallen weiß. Celeste, Horace oder auch ein Octopath Traveller (nicht gerade Indie) wussten zu überzeugen. Eine gehörige Portion Retro ist aber kein Selbstläufer mehr. Es reicht nicht, sich auf Pixelgrafik zu verlassen, der moderne Retrogamer verlangt da einfach mehr. Und mit Narita Boy bekommt er auch etwas geliefert, was sich mit zunehmendem Spielgenuss immer weniger einfach einordnen lässt und so für eine Überraschung sorgt, die der Trailer nicht vermuten ließ. Aber von vorn.
Ready Player One
Man schaltet das Spiel ein und fühlt sich direkt wie in Ernest Clines (Meister)Werk „Ready Player One“. Narita Boy wirkt zu jeder Sekunde wie eine Quest auf dem Weg zum versteckten Easter Egg der riesigen Oasis. Die Achtziger Referenzen beginnen bei der Grafik, wummern in jedem Begleitstück und manifestieren sich in Bildern, Posen, Texten oder Hintergrundgrafiken über das ganze Spiel verteilt. Garniert mit einer Programmier- und Hackerstory wirkt hier alles wie der fiebrige Traum eines computerliebenden Retronerds. Allein der Hauptmenuscreen erinnert dermaßen an Star Wars, He-Man und Tron, dass man sich kurz fragt, ob es nicht jetzt schon zu viel des Guten sein könnte. Aber damit endet die Nähe zum bereits erwähnten Buch noch lange nicht. Denn die Story dreht sich um einen Jungen, der in seine liebste Computerwelt hineingezogen wird. Und in dieser begibt sich auf die Spuren des Entwicklers dieser Welt. Er muss dessen verlorenen Erinnerungen finden und somit dafür sorgen, dass das Gleichgewicht dieser Welt wieder hergestellt werden kann. Denn ein besonders fieser Code in Gestalt des Bösewichtes HIM droht diese Welt zu unterjochen. Jetzt kann nur noch Narita Boy und schlussendlich auch der Entwickler helfen. Dabei gestaltet sich auch diese Geschichte erstaunlich emotional und entwickelt trotz seiner zunächst limitiert erscheinenden Grafik einen ordentlichen Punch. Immer deutlicher wird im Verlauf der ca. sieben stündigen Geschichte wie die realen und manchmal tieftraurigen Erinnerungen des Entwicklers mit der digitalen Welt zusammen hängen. Narita Boy ist eine Meta-Ode an Spieleentwickler an sich. Das Spiel zeigt völlig unaufdringlich wie viel Herzblut und letztendlich auch von den Menschen, die es entwickeln selbst, in den Spielen steckt.
Mehr Pixel wären 3D
Das Spiel präsentiert sich zunächst in altbekannter Retrooptik, aber ganz schnell wird klar, dass dieses Spiel auf keiner der gängigen früheren Konsolen umsetzbar gewesen wäre. Die Sprites bewegen sich ausgesprochen flüssig und bewegungsfreudig. Immer wieder gibt es interessante Schauwerte im Vor- oder Hintergrund. Die Licht-, Schatten- und Weichzeichnereffekte hätten jedes damals existierende Gerät überfordert und der Sound klingt zwar nach 80s Elektrohymnen, nutzt dafür aber aktuellere Klänge, sodass auch eine 5.1 Anlage ordentlich zu tun hat bei den vorliegenden Tracks. Vor allem während der Bossfights kommt es zu spektakulär treibenden Musikeinlagen, die auch an Nicolas Winding Refns „Drive“ erinnern. Allerdings fehlt für dessen Klasse bei Narita Boy noch das letzte Fünkchen Ohrwurm. Die Figuren, vor allem die größeren, holen das letzte Quäntchen aus der Pixelgrafik heraus. Da wird mit den Farbschattierungen so detailliert gearbeitet, dass der nächste Schritt nur noch dreidimensionale Polygone sein dürften. Das Gameplay, wie auch die generelle Animationsoptik erinnert passenderweise an „Flashback“ von Delfine Software International. Der Spieler befindet sich in einem klassischen Action Adventure, muss Schlüsselkarten finden und kleinere Codeaufgaben lösen um in die vielen, sehr divers in Szene gesetzten Umgebungen zu erreichen.
Generell wirkt alles sehr stimmig umgesetzt. Die Handlung trieft nur so von nerdigem Techtalk über Codes, Programme, Hacks und Computerfachwissen und könnte weniger technikaffine Gamer zeitweise abhängen. Zum Glück haben diese erzählerischen Details kaum Auswirkungen auf das Gesamterlebnis. Es reicht das Gesagte nur rudimentär zu verstehen, um Folgendes zu verinnerlichen: HIM ist böse, der Entwickler ist ein guter Mann mit trauriger Geschichte, diese Welt ist es wert gerettet zu werden und nur wir können das tun.
Mit Laserschwert und Strategie
Auf dem Weg zum Oberbösewicht begegnen uns viele verschiedene Gegnertypen, die wir mit unserem Laserschwert und den nach und nach erlernten Attacken zu besiegen lernen. Dabei hat jeder Gegnertypus seine Eigenheiten, sodass der Spieler jeden Gegner auf seine eigene besondere Weise zur Strecke bringen muss. Wer sinnlos draufkloppt, wird bald das Zeitliche segnen. Ein Umstand, den man dank des fordernden Gameplays häufiger erleben wird. Dabei machen die Kämpfe aber gerade dadurch so richtig Spaß. Die Schläge wirken wuchtig, die Spezialattacken imposant und die Endgegner richtig bedrohlich. Von denen gibt es so einige über die Map verteilt, nicht immer nur am Ende eines Abschnittes. Das hält das Gameplay immer frisch und spannend, auch wenn es zwischendurch auch Ruhephase durch Erkundung und nostalgische Erinnerungsbesuche gibt. Manchmal wirken die Positionierungen der Bosse dennoch etwas random und verlieren deshalb an Intensität. Die echten Endbosse hingegen können zartere Gemüter richtiggehend erschrecken oder sogar etwas ekeln. Denn obwohl wir es hier mit Pixelgegnern zu tun bekommen, mangelt es in dem Spiel nicht an blutigen Schnitten oder auch Monstern, die ihr Innerstes nach außen kehren. Um sein Ziel zu erreichen verfügt Narita Boy über sehr gamertypische Fähigkeiten. Durch vorwärts oder rückwärts Dashen erreicht man weiter entlegene Stellen oder kann Gegnern damit ausweichen oder ihre Abwehr durchbrechen. Außerdem gibt es Fernschussattacken und die Möglichkeit sich aufzuladen. Das Gameplay ist minimalistisch und dennoch sehr effektiv. Sprungpassagen wirken wegen der sehr sensiblen Steuerung etwas schwierig, was aber dank der extrem fair gesetzten Wiedereinstiegspunkte überhaupt nicht ins Gewicht fällt. Es ist alles sehr motivierend arrangiert, sodass man immer wieder stolz auf sich ist, wenn man eine weitere Tür öffnen konnte. Stolz ist man vor allem deshalb, weil einem niemand allzu genau verrät, wo man denn hinmüsse. Heutige Gamer sind es gewohnt von Pfeilen, Markierungen oder Hinweisen geführt zu werden. Bei Narita Boy leitet euch nur die eigene Erkundungsneugier. Dabei artet es aber nie aus, wie man es aus Castlevania Spielen kennt – alles in allem ist das Spiel sehr linear und auch nicht besonders zeitintensiv. Dadurch ist der Replayvalue nicht sehr hoch – das erste Durchspielen macht aber umso mehr Spaß.
Fazit
Das Spiel ist ein wahres Nerdfeuerwerk und sticht aus dem aktuellen Retroeinheitsbrei sehr positiv hervor. Wer aber mit Pixelgrafik und Achtzigerjahre Synthesizern nichts anfangen kann, den wird auch Narita Boy nicht vom Hocker reißen. Wer sich einlassen kann, erhält ein kurzes, faszinierendes und sehr einsaugendes Action Adventure erster Retro-Güteklasse.
- Beste Pixelgrafik<p>
- Emotionale Geschichte<p>
- Fetter Sound
- Eher kurz geraten<p>
- Kaum Wiederspielwert
Vielen Dank an die Firma Team17 für die Bereitstellung des Testmusters.


