Spieletest: Chained Echoes NSW

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Weitere Infos

Releasedate:
8. Dezember 2022

USK 16 Pro Controller unterstützt MyNintendo nicht kein amiibosupport

Mögliche Spielmodi: Handheld-,TV-,Tischmodus

Anzahl der Spieler: 1

Leser-Meinungen: Noch keine

Specials: keine

Plus / Minus

Positiv:
Großartiger Retro-Look
Anspruchsvolles Kampfsystem
Tolle Story, gutes Pacing
Negativ:
Kleinere Bugs in den Texten
Dungeons etwas unübersichtlich
Für Einsteiger etwas schwer

Japanische Rollenspiele im Pixellook hatten ihre besten Zeiten während der SNES und PSone Ära – da sind sich alle einig. Hin und wieder wird dem jRPG Fan jedoch ein schönes Remaster oder gar eine Neuerscheinung präsentiert, wobei der Innovationswert dabei stets niedrig ist und dann kommt Chained Echoes. Das Spiel begeistert die Spielewelt vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass das Spiel von einem einzigen (!) Menschen programmiert wurde. Ist das Spiel wirklich so gut wie alle sagen? Wie steht es um die jRPG Neueinsteiger? Wir klären die brennendsten Fragen in unserem Nintendofans.de Test!

Eine Liebeserklärung plus

Chained Echoes soll an die legendären Zeiten der 16 bis 32 Mbit starken Super Nintendo und Playstation Spiele á la Suikoden, Chrono Trigger und Secret of Mana erinnern. Allerdings wird schon auf den ersten Blick deutlich, dass die genannten Konsolen eine solch detaillierte, farbenfrohe und klare Präsentation kaum gepackt hätten. Umso magischer ist der Einstieg in dieses Ausnahmespiel, vorausgesetzt die geistigen Vorbilder sind dem Spieler bekannt. Von Neueinsteigern wird es dafür keine Vorschusslorbeeren geben, wer sich auf den Look aber einlässt, der bekommt eine ganz feine jRPG Sahneschnitte, wie sie selbst in den Neunzigern und frühen Zweitausendern keine Alltäglichkeit war.

Chained Echoes beschäftigt den Spieler permanent mit ein und derselben Frage: Wie kann es sein, dass an diesem Spiel nur ein Mensch saß? Okay, die Musik hat wer anders komponiert, aber ansonsten ist es einfach unglaublich, dass Matthias Linda mit seiner 7 Jahre langen Arbeit teilweise die ganz großen in die Tasche steckt.

Das beginnt bei der vielschichtigen Story und den tollen Charakteren. Die Dialoge sind stark und dennoch nicht so ausufernd wie in anderen Genre-Vertretern. Besonders interessant ist, dass man über den Prolog und das erste Kapitel hinweg verschiedene Charaktere einzeln kennenlernt, die dann nach und nach die Party bereichern. Jede Figur hat ihre eigenen Stärken und Schwächen, sowie eine individuelle Ultra-Attacke, die ein entscheidender Faktor in den bockschweren Kämpfen sein kann. Die Geschichte rund um die verschiedenen Königreiche, die Intrigen und wackeligen Partnerschaften und eine geheimnisvolle Macht im Hintergrund klingt auf dem Papier vielleicht altbekannt, kommt in Chained Echoes aber extrem authentisch und ernsthaft rüber. Man vergisst schnell ein Pixelgame zu spielen und fühlt sich an den ein oder anderen High-Fantasy-Roman erinnert. Dabei versteht es Linda fantastisch, die sonst üblichen jRPG-Macken auszumerzen. Das Spiel hat ein gutes Tempo und eine herrliche Balance aus Städteerkundungen und Dungeoncrawling. Schön ist auch, dass der Spieler niemals auf einer gröber animierten Overworld ist, sondern in Echtzeit von Ort zu Ort reist. Die Areale zwischen den Städten erinnern dabei angenehm an Secret of Mana, wobei auf Zufallskämpfe verzichtet wurde. Alle Gegner kann man sehen und teilweise vermeiden. Dies sollte man aber nicht machen, wenn man das anspruchsvolle Kampfsystem perfektionieren möchte.

Overdrive!

Die Kämpfe laufen rundenbasiert ab, wobei man jederzeit die Reihenfolge der Angreifer sehen kann. Man hat also Zeit zu überlegen, was man machen möchte und das sollte man auch sehr ernst nehmen. Wer meint wie in einem Final Fantasy mit permanenten Standardattacken durchzukommen, wird sehr bald das Zeitiche segnen. Linda hat die Anzahl der Kämpfe deutlich klein gehalten, dafür ist aber jeder Kampf ein ernstes Unterfangen und erfordert die volle Konzentration. Eine nette Idee ist dabei die Overdrive-Anzeige. Ein Baromter, das zu Beginn eines Kampfes im orangenen Bereich ist – quasi der Normalzustand. Durch spezielle Eingaben und eingesteckten Schaden füllt sich die Anzeige, bis sie im grünen Bereich, dem Overdrive, ist. Nun sind die Angriffe der Party stärker, die Verteidigung höher und der Magieverbrauch geringer. Aber aufgepasst, wer jetzt einfach weiter sinnlos draufhaut landet im Overheat und in diesem Fall dreht sich das Blatt dramatisch. Doppelter Schaden und höherer Magieverbrauch bringen den Spieler schnell in die Bredouille. Auch der Itemeinsatz sollte mit Bedacht stattfinden, denn der Spieler wird während des Spiels nicht gerade mit Geld überhäuft. Aufgelevelt wird zudem nur nach bestimmten Gegnern und dann gilt es entweder neue Attacken zu erlernen oder auf Stats-Verbesserungen zu setzen – eine weitreichende Entscheidung die mit Bedacht getroffen werden möchte.

Genauso verhält es sich mit den Verbesserungen, die man an Waffe und Rüstung vornehmen kann. Diese kosten Geld und Materialien, welche es unterwegs zu finden gilt. Zudem gibt es ein interessantes Schmiedesystem, was den Gegenständen zusätzliche Boni verleihen kann. Um sich das alles aber leisten zu können muss der Spieler immer wieder Missionen und Spezialaufgaben erledigen.

Ein Aufpowern durch zeitintensives Grinding wie in anderen Japanorollenspielen ist also kaum möglich. Die phänomenal animierten Bossfights sind dadurch richtig schwierige Brocken. Man muss selber verstehen, dass manche Bosse regelrecht ausflippen, wenn man diese oder jene Attacke einsetzt und dass man deshalb eine andere Strategie wählen sollte. Diese Kämpfe können locker 10 oder 15 Minuten dauern und erfordern Aufmerksamkeit auf allen Ebenen, denn die Overdriveleiste, die Energieverteilung und die Buffs und Debuffs möchten im Auge behalten werden.

Interessant ist dabei, dass man nicht nur die vier Standardmitglieder seiner Party dabei hat, sondern jeder Charakter einen Partnercharakter haben kann, der jederzeit im Kampf eingewechselt werden kann, zu Gunsten der Overdriveleiste und Energieanzeige.

Das Kampfsystem ist also durchaus anspruchsvoll, aber belohnt den Spieler mit einer selten dagewesenen Genugtuung. Die beschwerliche Reise wird so tatsächlich auch auf der Couch zu Hause spürbar.

Völlig abgedreht wird es, wenn mit den fliegenden Kampfanzügen ein völlig neues Kampfsystem auf den Plan tritt. Linda hätte sich ja auf seinen Innovationen ausruhen können, krempelt das Spiel aber ab der Mitte nochmal um und pustet so jeden Anflug von Langeweile davon.

Man kann nicht alles haben

Auch wenn man beim Testen von Chained Echoes auf Grund der ungeheuren Leistung von Matthias Linda gerne beide Augen zudrückt, gibt es hier und da Dinge, die in einer größeren Produktion vermieden worden wären. Beispielsweise finden sich immer mal wieder im Kampf- oder Hauptmenü sowie in den Dialogen englische Passagen, was zwischen den perfekten deutschen Bildschirmtexten natürlich auffällt. Ganz selten kann man auch Teile des Quellcodes mitlesen, was natürlich keinen Beinbruch, aber doch eine störende Ablenkung darstellt. Auch der Aufbau der Dungeons, bzw. der Wege zwischen den Städten wirkt hier und da zu labyrinthartig und lässt den Spieler die Orientierung verlieren. Dies wird teilweise durch die detailreiche Pixeloptik noch begünstigt, etwa, wenn man Leitern oder Sprungmöglichkeiten nicht entdeckt, weil sie sich nicht ausreichend vom Rest abheben. Beim Spielen und vor allem nach dem Durchspielen von Chained Echoes wünscht man sich dringend einen zweiten Teil, in dem Matthias Linda zwar weiter den Hut auf, aber ein unterstützendes Team neben sich hat. Es wäre nicht einmal vermessen zu erwarten, dass dabei das beste jRPG der letzten Jahre entstehen könnte.

Fazit

Die Ein-Mann-Produktion von Matthias Linda überrascht an allen Ecken! Wie ist es möglich, dass ein einziger Mensch ein jRPG produziert, das wesentlich größere Entwicklerfirmen alt aussehen lässt? Das Kampfsystem ist klassisch rundenbasiert, besticht aber durch seinen Anspruch und die kleinen Innovationen. Vor allem die Kampfroboter und die gigantischen Endbosse machen wirklich was her. Optisch bekommt der Spieler feinste Pixelkost, die Nostalgikern die Herzen erwärmen wird. Aber auch Neueinsteiger dürfen einen Blick riskieren, denn die Story ist angenehm ernsthaft und tief. Kleinere Bugs und nicht ganz perfekt designte Dungeons können den Gesamteindruck kaum schmälern, zumal der Kaufpreis von knapp 25€ ein echtes Schnäppchen ist.

Grafik
8
Sound
8
Gesamt
9

verfasst von „MatEusZ“

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Vielen Dank an die Firma Deck 13 für die Bereitstellung des Testmusters.
Letzte Aktualisierung: 02.Januar.2023 - 08:08 Uhr