
Professor Layton Vs. Phoenix Wright: Ace Attorney
Lange mussten wir darauf warten, während japanische Fans bereits seit Ende 2012 in den Genuss des prominent besetzten Crossovers kommen: Natürlich sprechen wir von Professor Layton Vs. Phoenix Wright: Ace Attorney.
Kollege Lukas hat den Titel auf Herz und Nieren geprüft und verrät im umfangreichen Nintendofans.de-Review, warum ihr unbedingt einen Blick darauf werfen solltet!

Professor Layton Vs. Phoenix Wright: Ace Attorney
3DS
- Genre
- Adventure
- Serie
- Professor Layton
- Entwickler
- Level5
- Publisher
- Level5
- Konsole
- 3DS
- Spieler
- 1 lokal
- Freigabe
USK ab 6
Mit Crossovern ist es so eine Sache: Die Prämisse, zwei populäre Figuren, die ansonsten eigentlich nichts miteinander am (Zylinder-)Hut haben, in ein gemeinsames Abenteuer zu schicken, hat einerseits das starke Potential, beide Fangemeinden (und die Schnittmengen beider ganz besonders) in enorme Vorfreude zu versetzen, bringt für die Macher aber freilich auch die heikle Aufgabe mit sich, beide Lager zufrieden zu stellen. Ganz zu schweigen davon, dass es sich selbst im Falle einer erfolgreichen Lösung dieser Herausforderung reichlich schwierig gestaltet, dabei auch eine interessante Geschichte zu erzählen, ohne sich in selbstreferenziellen Zitaten und Fanservice zu verzetteln.
So war auch für Fans der Ace Attorney- und Professor Layton-Serien neben Überraschung und Interesse auch durchaus eine gesunde Portion Skepsis angebracht, als im Herbst 2010 (meiner Treu, wie lange das wieder her ist!) ein den sympathisch-chaotischen Jung-Anwalt und den stets höflichen und gefassten Gentleman-Archäologen und Puzzlemeister in Personalunion involvierendes Crossover angekündigt wurde: Cool, aber wie sehr würde das Ergebnis dieses mutigen Unterfangens letztendlich überzeugen können...?
Wenn Kraftwagen fliegen lernen
Positive, aber bisweilen eher verhaltene und manchmal gemischte Kritiken aus Fernost im Zuge des japanischen Releases 2012 und die lange Wartezeit samt den bangen Zittern, ob es dieses Stück Software überhaupt in den Westen schaffen würde, kühlten den Hype für die Freunde des Anzugs- und Zylinderträgers zwischenzeitlich wieder etwas ab. Nun schreiben wir das Jahr 2014 und dürfen schließlich und endlich jenen Datenträger, den der etwas sperrige Schriftzug Professor Layton vs. Phoenix Wright: Ace Attorney ziert, mit gut einenhalbjähriger Verspätung in unseren europäischen 3DS einlegen: Kalter Kaffee, an dem nicht einmal Staatsanwalt Godot nippen würde? Reiner Fanservice, der weder erzählerisch noch spielerisch mit den bekannten Episoden der beiden Ursprungsserien mithalten kann? Eine überflüssig gewordene Spielerei, nachdem die neueren Layton- und Wright-Titel Das Vermächtnis von Aslant und Dual Destinies hierzulande schon längst erschienen sind? Mitnichten: Professor Layton vs. Phoenix Wright: Ace Attorney überrascht mit einem Minimum an Leerlauf, gnadenlos fesselndem Gameplay und einer grandiosen Geschichte, welche die komplette Prequel-Trilogie des Professors narrativ locker überflügelt!
Aber eines nach dem anderen: Dass die Verschmelzung zweier trotz der offensichtlichen Parallelen – Held und jugendliche(r) Assistent(in) lösen gemeinsam mysteriöse und äußerst bildschirmtextlastige Fälle – doch sehr unterschiedlicher Universen dennoch nicht gänzlich problemlos verläuft, soll freilich auch nicht verschwiegen werden. Davon ist beim äußerst stimmungsvoll und clever inszenierten Auftakt des Abenteuers allerdings noch nichts zu spüren – die rasante Anime-Eröffnungssequenz (erfreulicherweise nur eines von zahlreichen schicken Videos), in der ein junges Mädchen von schemenhaften Gestalten durch das nächtliche London gejagt und samt ihres fahrbaren Untersatzes von lebendig gewordenen Steinstatuen durch die Luft geschleudert wird, geht nahtlos in den zweiteiligen Prolog über, der als Mini-Version eines Layton- und eines Wright-Abenteuers gleich Appetit auf mehr macht!
Very British!
Dabei dürfen wir zuerst den guten Hershel durch die finstere Stadt samt wunderschönem Blick auf die Tower Bridge im Mondlicht begleiten, die mysteriösen Vorgänge des Abends untersuchen, einige serientypische Rätsel lösen, welche ihm einige Nachtschwärmer aufgeben, und nach besagter junger Dame suchen, die bei dem Professor Hilfe sucht und wirres Zeug von ihrer auf keiner Karte verzeichneten Heimatstadt Labyrinthia und dem ihr völlig unbekannten London erzählt, nur um unmittelbar danach von ihren angeblich der Hexenzunft angehörigen Verfolgern geschnappt zu werden. Nachdem der Tag mittels eines raffinierten Plans des Profs vorläufig gerettet zu sein scheint, folgt ein Cut zu einer scheinbar völlig anderen Geschichte: Anwalt Phoenix weilt aufgrund eines Austauschprogramms der internationalen Juristen-Liga ebenfalls in London und wurde im Rahmen desselben mit einem vermeintlichen Routine-Fall betraut, in dem er eine der leichten Körperverletzung und des Diebstahls beschuldigte Internatsschülerin verteidigen und sich dabei mit einem herrlich überzeichnetes „British English“ sprechenden, clownesken Staatsanwalt herumschlagen muss. Dass die undurchsichtige Lehrerin Darklaw ihm unmissverständlich klar macht, ihre Schülerin würde auf „Schuldig“ plädieren und seine Verteidigertätigkeit solle sich darauf beschränken, Däumchen drehend das Urteil anzunehmen, akzeptiert unser idealistischer Wright natürlich nicht einfach so – umso mehr, nachdem die junge Klientin völlig weggetreten zu sein scheint und, stets einen altertümlich anmutenden Wälzer umklammernd, kaum ein Wort herausbringt. Und dem Spieler sollte an dieser Stelle umso deutlich klar werden, dass hier eindeutig etwas nicht stimmt – schließlich handelt es sich bei der Angeklagten und dem Hexen-Opfer aus der Layton-Episode um ein und dieselbe junge Dame: Espella Cantabella...
Oder auch Sophie de Narrateur – je nachdem, auf welche Sprache ihr euren 3DS gestellt habt. Denn aus völlig unerfindlichen Grund – vielleicht befiel das Übersetzerteam eine Art biblische Sprachverwirrung – wurden in der deutschen Version die Namen zahlreicher zentraler Figuren massiv verändert (Darklaw wird zu Gloria, Phoenix´ späterer Widersacher vor Gericht Zacharias Barnham zu Aloysius Flambert und der Hund Constantine nicht etwa zu Konstantin, sondern zu „Fassfor“...natürlich) und davon auffällig viele (eigentlich völlig unpassend für einen Schauplatz in Großbritannien) augenscheinlich durch eine Art französischen Wortfilter gejagt: Wenn aus Espella Cantabella wie erwähnt Sophie de Narrateur oder etwa der Alchemist Newton Belduke in der teutonischen Version plötzlich Léonard de Victoire heißt, dann – ich bitte um Verzeihung, liebe französische Freunde – spielt sich vor meinem geistigen Auge leider gleich ein alberner Cutaway-Gag ab, in dem französische Pantomimen-Ninjas in Nintendos Lokalisationszentrale eindringen, die Übersetzer mit waffenfähigen Baguettes ausknocken und danach geräuschlos diabolisch lachend das deutsche Skript umschreiben...
Professor, übernehmen Sie!
Kurz, die deutsche Übersetzung ist grundsätzlich durchaus okay, aber nicht unbedingt viel mehr: So kommt etwa auch der deutsche Layton-Sprecher wie gehabt ähnlich souverän und passend rüber wie sein englischer Kollege, während andere mitteleuropäische Voice Actors eher in den Bereich „bemüht“ fallen, was gerade den dramatischeren Szenen doch etwas Atmosphäre kostet. Die textliche Übersetzung (erwartungsgemäß wurden neben den Filmsequenzen nur die wichtigsten Dialoge mit Sprachausgabe versehen) fällt dagegen gewohnt routiniert aus, während die seltsam forciert wirkenden Namensänderungen aber doch immer wieder als Fremdkörper auffallen. Puristen soll dies aber überhaupt nicht stören, da das Spiel wie zuvor angedeutet erfreulicherweise völlig multilingual ist: Einfach die Spracheinstellungen der Konsole umstellen und schon dürft ihr euch an ausgezeichneten englischen Texten samt formidablem Voice Acting erfreuen – beides verleiht der Geschichte noch ein zusätzliches Plus an Atmosphäre. Zusammenfassend lässt sich also sagen: Wer mit der englischen Sprache auf Kriegsfuß steht, kann getrost bei Deutsch bleiben und dennoch das Spiel genießen – es gibt ehrlich schlimmere Lokalisierungen. Wer aber auf solides Schulenglisch zurückgreifen kann, dem sei wärmstens empfohlen, das Abenteuer unseres englischen Gentleman in dessen Muttersprache zu erleben!
Aber um zur Ausgangssituation zurückzukommen – die einleitenden Wright- und Layton-Episoden funktionieren gleichermaßen gut als Appetitanreger für Fans auf das, was kommen mag, und als atmosphärische wie spielerische Einführung für Neulinge: Hier wie auch sonst beginnen Hershels Abenteuer stets mit einem Hilfsgesuch (diesmal seitens Espella) an unseren Archäologen, dem ein unerklärliches Ereignis vorausgeht und/oder folgt (Hexen in London?), welchem freilich auf den Grund gegangen werden muss! Wer den Professor bei diesem Unterfangen begleitet, steuert, wie vielen bereits aus den zwei bisherigen 3DS-Episoden Die Maske der Wunder und Das Vermächtnis von Aslant bekannt, per Stylus oder Circle Pad (erstere Variante sei zwecks höherer Präzision empfohlen) eine Hotspots farblich hervorhebende Lupe über den Top-Screen, um im Stile eines Point&Click-Adventures mit NPCs zu sprechen, in den äußerst liebevoll designten und mit sehenswerten 3D-Effekten ausgestatteten Kulissen versteckte Hinweismünzen und Rätsel zu finden oder einfach nur mit anderen Party-Mitgliedern (anfangs lediglich Lehrling Luke) über Entdeckungen zu plaudern, was häufig zu unterhaltsamen Kurzdialogen führt. Aber wer die Layton-Serie kennt, weiß, dass es sich bei diesen Passagen eigentlich nur um – sympathische – „Mogelpackungen“ handelt: Abgesehen von den vielen mal atmosphärischen, mal skurrilen, aber immer stimmungsvollen Gesprächen mit anderen Charakteren (wie etwa Inspektor Chelmey und sein Gehilfe Barton, die gleich zu Beginn einen Cameo-Auftritt absolvieren) und der Steuerung hat die Sache eigentlich kaum etwas mit „echten“ Adventures zu tun – keine Aktionsmöglichkeiten außer Sprechen und Untersuchen, kein „benutze Item X an Ort Y“.Vielmehr läuft es eigentlich immer darauf hinaus, einfach alle Hotspots zu finden und anzuklicken.
Einspruch!
Nein, das eigentliche Gameplay, für das unser Professor berühmt ist, sind die zahlreichen Rätsel, welche im Zuge von NPC-Dialogen, Umgebungs-Untersuchungen oder Story-Fortschritt aufgegeben und in einer separaten, von der Oberwelt abgetrennten Umgebung gelöst werden müssen: Wolkenlabyrinthe, Rösselsprung auf einem unorthodoxen Schachbrett, „Whodunit“-Kopfnüsse oder Marionettenbau mit Hindernissen – an Abwechslung herrscht kein Mangel! Mit den gleichnamigen Münzen freischaltbare Hinweise, die Möglichkeit, per Touchscreen Notizen zu machen und die als Score fungierenden „Picarats“, die in mehr oder weniger großer Anzahl auf das Punktekonto des Spielers wandern, je nachdem, wie viele Anläufe er zur Lösung braucht – so weit, so bekannt, aber immer noch äußerst unterhaltsam! Wobei allerdings nicht verschwiegen werden soll, dass die Puzzles (trotz definitiv vorhandener Kopfnüsse) insgesamt tendenziell etwas einfacher geraten sind als in der Professor Layton-Hauptserie und es von ihnen diesmal, anstatt der traditionell dreistelligen Anzahl, „nur“ exakt 70 Stück gibt und auch auf die aus der Hauptserie gewohnten, sonst aus dem Hauptmenü zugänglichen drei Minispiele verzichtet wird.
Bei der darauf folgenden Phoenix-Episode werden sich Hobby-Anwälte ihrerseits ebenfalls gleich heimisch fühlen, fühlt sie sich doch ganz wie ein traditionelles erstes Kapitel eines beliebien Ace Attorney-Spiels an: Es geht gleich in medias res und ein Klient muss in einem vergleichsweise einfachen, aber dennoch spannenden Einführungs-Fall vor dem ungerechtfertigten Schuldspruch gerettet werden, während Einsteigern hier gleichzeitig unaufdringlich das für die späteren, komplexeren Gerichtsverhandlungen wichtige Spielsystem näher gebracht wird. Dieses dreht sich wie gehabt primär darum, Zeugenaussagen auseinanderzunehmen und Lügen zu entlarven, indem durch die Aussagentexte gescrollt und an der richtigen Stelle ein Beweisstück präsentiert wird, das im Widerspruch zu selbiger Aussage steht – möglichst, ohne falsche Schlüsse zu ziehen und den Richter mit selbigen zu verärgern, was bei zu vielen Tritten ins Fettnäpfchen leicht zu einem verlorenen Fall (sprich, einen „Game Over“), führen kann.
Maya is back in town!
Während dieses Wissen samt der Prämisse „Anwalt und Assistentin kommen nach Übersee, um eine Verhandlung zu führen“ für Neulinge völlig ausreichend ist, werden Serienkenner bereits in diesem Prolog einige Beobachtungen verschiedener Art machen: So spielt das Crossover, wie durch kleine Anspielungen angedeutet (die aber keinerlei nennenswerte Spoiler enthalten), offensichtlich nach dem Abschluss der „alten“ Ace Attorney-Trilogie, Trials and Tribulations. Dadurch ist nach Unzeiten auch endlich wieder Kult-Sidekick Maya Fey dabei (die sich in der „neuen“ Sub-Serie, bestehend aus Apollo Justice und Dual Destinies leider bislang rar machte, obgleich referenziert wurde), und zwar erstmals als voll animiertes 3D-Modell anstatt standbildlastiges Sprite!
Von Phoenix kennen Spieler der letztjährigen 3DS-Episode bereits eine solche Erscheinungsform – der Polygon-Phoenix des in Japan eigentlich wesentlich früher erschienenen Review zu Professor Layton vs. Phoenix Wright: Ace Attorney könnte auf selbige allerdings zu Beginn etwas ungewohnt wirken. Nicht, dass sein Modell nicht gelungen ist, aber es ist ein wenig so eine Mr. Hyde-Geschichte: „You can´t put the finger on it, but something´s strange!“, mögen sich Spieler der alten Teile und/oder von Dual Destinies denken und auch ich kann nicht objektiv sagen, was mich daran eigentlich zu Spielbeginn gestört hat. Aber auch alte Nörgler wie ich werden sich schon bald an den Crossover-Wright und mit dem liebevoll animierten und nach wie vor hochsympathischen Charakter bei seinen Fällen mitfiebern! Das Gespann, das er mit der nicht minder liebenswerten Maya bildet, sprüht auch 2014 vor Witz und Charme, Intellektualität und chaotischer Tollpatschigkeit und bietet Vorlagen für zahlreiche Gags (ab und an auch für herrliche Serien-Insider), bleibt aber auch in ernsten und dramatischen Situationen glaubwürdig und authentisch. Nur eine Szene wirkt etwas arg „out of character“: Wenn die stets herzensgute und pazifistische Maya plötzlich versucht, Phoenix mit einem Metallrohr eins überzuziehen, um einen Tathergang nachzustellen, dann verzerrt dies zu Gunsten des Slaptsticks ihren Charakter stark – glücklicherweise bleibt dieser Fauxpas einmalig.
Hershel Wright: Ace Professor
Gameplaytechnisch dürfen sich Serienveteranen freuen, dass das tolle, aber aus unerfindlichem Grund nach Ace Attorney 3 entfernte Feature, zusätzlich zu Beweisen auch Charakter-Profile präsentieren zu können, wieder seinen Einzug hält – dadurch wird auch ein wenig wieder ausgeglichen, dass die Gerichtsakte ernüchternderweise nun auf maximal acht Beweisstücke pro Fall geschrumpft wurde: Vergleichsweise mager, wenn man sich die Episoden der Hauptserien ansieht. Ebenfalls schade, dass mehrtägige, von Point&Click-Ermittlungspassagen unterbrochene Prozesse in dem Crossover nicht existieren – jede (für sich durchaus umfangreiche) Verhandlung geht in einem Stück durch und bleibt dadurch hinter den zwei- oder gar dreitagigen Tribunalen anderer Folgen zurück.
Auch Zeugenbefragungen abseits des Gerichtssaals und Tatort-Untersuchungen existieren leider nur noch in homöopathischen Dosen, wohl aus demselben Grund, warum einige bewährte Features in den Layton-Episoden wegfallen: Professor Layton vs. Phoenix Wright: Ace Attorney ist nun mal ein Crossover und stellt damit de facto zwei Spiele in einem dar, wobei wohl gewisse Abstriche gemacht werden mussten, um als Entwickler nicht tatsächlich die doppelte Arbeit zu haben und erst im Jahr 20XX fertig zu werden. 30-40 Stunden (je nachdem, ob man alle Dialoge und optionalen Rätsel mitnehmen will) sind für das Endprodukt schließlich auch eine wirklich respektable Spielzeit; aber wer versuchen würde, die beiden Serien bei absolut gleichbleibender Komplexität und gewohntem Umfang zu fusionieren, würde das Doppelte veranschlagen müssen – und ein Layton-Wright-Crossover mit der Größe eines Fire Emblem: Radiant Dawn schien Level-5 und Capcom dann wohl doch zu gigantomanisch.
World of Witchcraft
Apropos Crossover: Auch wenn es (nicht nur) anfangs etwas surreal anmutet, wenn der verhältnismäßig (!) realistische Anime-Anwalt gemeinsam mit dem neben dem Japano-Stil auch von europäischen Comics beeinflussten Professor mit seinen schwarzen Knopfaugen Einspruch vor Gericht erhebt, liegen die eingangs angedeuteten Probleme nicht in diesem denkwürdigen Aufeinandertreffen. Im Gegenteil – die beiden ergänzen sich (nach ihrer köstlichen ersten Begegnung) charakterlich gut und dürfen sich glaubwürdig auf Augenhöhe unterhalten, sodass der leicht unrunde optische Eindruck rasch verziehen wird. Auch die Helden aus der zweiten Reihe – Maya und Luke – harmonieren gut miteinander, wenn sie mit ihren Freunden und Mentoren in der mittelalterlichen Stadt Labyrinthia ermitteln. Moment – „Labyrinthia“...? Genau, Espellas mysteriöser Heimatort!
In der Tat birgt auch der Schauplatz von Professor Layton vs. Phoenix Wright: Ace Attorney einiges an Potential für erzählerische Probleme: Sowohl Team Layton als auch Team Phoenix landen nach der Lektüre der „Historia Labyrinthia“ – so der Name des von Espella stets mitgeschleppten Buches – im Michael Ende-Stil auf mysteriöse Weise in der gleichnamigen Stadt, die auf den ersten Blick so gar nicht zu den Protagonisten passen will. Denn auch wenn unsere Helden durchaus immer wieder mal mit übersinnlichen oder rätselhaften Phänomenen konfrontiert werden – so kann etwa Layton-Lehrling Luke mit Tieren sprechen und Wright-Assistentin Maya ist nebenberuflich als Medium tätig, welches Gespräche mit Verstorbenen erlaubt – ist eine längst vergangenen Zeiten entsprungen zu sein scheinende Siedlung wie Labyrinthia, samt Rössern, Rittern, bösen Hexen und der ach-so-heiligen Inquisition wieder ein ganz anderes Kaliber für trotz der bisweilen seltsamen Umstände aufgeklärte Gesellen wie Phoenix oder Hershel. Ist das Szenario zu abgehoben für die beiden?
Ein Gentleman löst jedes Rätsel!
Überraschenderweise liegt auch hier das Problem nicht: Denn als professionelle Fall- und Rätsellöser denken die beiden nicht im Traum daran, ihren gesunden Menschenverstand wegzuschmeißen, und hinterfragen von Beginn an permanent die zahlreichen Mysterien, die von allen Seiten auf sie einprasseln! Befinden sich die Touristen wider Willen tatsächlich im Inneren eines Buches? Kann es wahr sein, dass diese Welt von dem „Storyteller“ regiert wird – einer gottähnlichen Entität, deren literarische Ergüsse zur vorherbestimmten Realität werden? Und vor allem: Ist die angebliche Hexerei, vor der all die abergläubischen Städter (welche übrigens, Link´s Awakening lässt grüßen, nichts von der Welt jenseits der Stadtmauern wissen) zittern, wirklich real...? Von mir werdet ihr hierzu freilich nichts weiteres hören – die Story lebt davon, dass ihr genauso im Dunkeln tappt wie die Hauptfiguren. Aber die Skeptiker seien beruhigt – das Szenario funktioniert!
So verwirrend die Umstände auch sein mögen, ob die Dinge nun sind, was sie scheinen oder doch ganz anders – die größten Gefahren in Labyrinthia rühren, wie unsere Helden schon bald bemerken, von allzu realen Dingen her: Angst, Hass, Gewalt, Kontrollwahn. Wer während des Prologs angesichts Phoenix´ erster ohne Mordopfer auskommender Gerichtsverhandlung vermutete, das Crossover sei diesbezüglich „weichgespült“ worden, um besser mit der tendenziell kinderfreundlicheren Layton-Serie zu harmonieren, wird sich ganz schön umgucken, wenn die Inquisition ein um sein Leben flehendes, junges Mädchen im Indiana Jones und der Tempel des Todes-Stil mittels herunterlassbaren Stahlkäfig in einen Feuerpfuhl taucht und sich selbst damit feiert, die Gesellschaft von einer bösen Hexe befreit zu haben. Und als dann auch noch die gerade erst wieder angetroffene Espella für einen grausamen, angeblich mittels Magie begangenen Doppelmord verantwortlich gemacht wird, wird es richtig ernst – denn auch ein begabter Verteidiger wie Phoenix ist in einer Welt, in der die Unschuldsvermutung umgekehrt ist und niemand je von Fingerabdrücken oder Forensik gehört hat, alles andere als heimisch...
Wenn die Masken fallen
Wer sich an dieser Stelle der Wurzel des nun mehrmals „geteaserten“ Problems vermutet, liegt richtig: So spannend die Geschichte ist (und das ist sie wirklich!), so überraschend dreidimensional die optisch zumeist karikaturesk wirkenden Zeugen vor Gericht teilweise sind – hier offenbaren sich dann doch Reibungsflächen zwischen den beiden Franchises untereinander sowie im Verhältnis zu der (für die Verhältnisse beider Serien) überraschend düsteren Story. Sinnvollerweise trifft man in den Straßen Labyrinthias, welche im puzzlelastigen Layton-Stil erkundet werden, bisweilen auf Leute, die einem in den Hexenprozessen auch auf der Zeugenbank gegenübersitzen – dies lässt das Städtchen freilich auch lebendiger und in sich geschlossener wirken. Aber wenn man mal mit ihnen Smalltalk führt und gemeinsam lustige Rätselchen löst, sie ein andermal aber ihrem geliebten Inquisitor zujubelnd vor Gericht aufgeigen und mit ihren Aussagen begeistert alles dafür tun, um ein menschliches Wesen brennen zu sehen, ohne daran auch nur irgendwas moralisch verwerflich zu finden, dann passt das irgendwie nicht so recht zusammen.
Umso mehr, als dass die meisten Charaktere (von pseudo-philosophischem Tattergreis bis völlig verpeiltem, beschwipsten Wichtigtuer) Layton- und Ace Attorney-typisch grundsätzlich einen sympathischen Dachschaden haben und mit ihrem exzentrischen Auftreten und den überwiegend virtuos verfassten Texten für zahlreiche Lacher sorgen – welche bei näherer Betrachtung aber wieder durchaus im Hals stecken bleiben können und es bleibt unklar, ob dies von den Entwicklern, welche ihr Personal überwiegend als lustig-skurrile, angenehme Zeitgenossen inszeniert, beabsichtigt war oder nicht. Soll dadurch möglicherweise aufgezeigt werden, dass auch der harmlose, nette Nachbar zum widerlichen Denunzianten werden kann? Oder interpretiere ich hier wieder viel zu viel hinein? In jedem Fall kann dieses geschilderte Spannungsfeld für die eine oder andere Irritation sorgen – auch, dass der Inquisitionsrichter sowohl optisch als auch charakterlich zahlreiche Parallelen zum gutmütig-senilen, namenlosen Richter der Ace Attorney-Hauptserie aufweist, aber gleichzeitig ein absolut schrecklicher Mensch ist, wirkt etwas unrund. Wenn er allerdings bei der Schilderung eines brutalen Tathergangs entsetzt reagiert und betont, Gewalt selbst ja absolut abzulehnen, nur um nachzusetzen, dass er Hexenverbrennungen als „notwendiges Übel“ selbstverständlich dulde, gewinnt der Moment eine herrliche satirische Schärfe und Treffsicherheit, die nicht nur der Inquisition, sondern gleichzeitig auch jedem die Todesstrafe praktizierenden Rechtssystem einen Spiegel vorhält.
Überfüllter Zeugenstand
Aber genug gemeckert: Dieser nicht ganz unproblematische Teilaspekt soll auf keinen Fall darüber hinwegtäuschen, dass die Gerichtsverhandlungen wendungsreich, bisweilen durchaus knifflig und hochgradig atmosphärisch daherkommen! Und dass sie überraschenderweise auch gameplaytechnisch für einiges an frischem Wind sorgen: Neben dem Debut des „Grand Grimoire“, eines dicken Wälzers, der auf mehreren Seiten die Gesetzmäßigkeiten der bekannten Zaubersprüche beschreibt und die Gerichtsakte ergänzt, fallen besonders zwei Neuerungen positiv auf – so befragt ihr einerseits nun mehrere Zeugen gleichzeitig! Diese wechseln sich mit ihren Aussagen ab, sodass das Grundprinzip des Kreuzverhörs dasselbe bleibt, doch wodurch sich die Möglichkeit ergibt, einen Zeugen zur Aussage eines anderen zu befragen – wenn sich zwei angebliche Belastungszeugen bezüglich ein und demselben Ereignis unterschiedlich erinnern, so kann dies zu völlig neuen Erkenntnissen führen! Schade nur, dass ihr jederzeit mit optischen und akustischen Signalen darauf hingewiesen werdet, wenn eine Zeugen die Aussage eines Kollegen spanisch vorkommt – das minimiert zwar den Leerlauf, aber ist der Herausforderung nicht unbedingt zuträglich.
Andererseits existiert nun auch die hochinteressante Option, Widersprüche in einer Zeugenaussage nicht nur mittels Beweisen oder Charakterprofilen aufzudecken, sondern auch, indem eben jene Aussage einer anderen bereits getätigten (ob sie von der gleiche Person stammt oder nicht) gegenübergestellt wird – eine clevere Idee, die sich auch in der Ace Attorney-Hauptserie gut machen würde! Schade nur, dass diese Spielmechanik nur an wenigen, vorgefertigten Stellen in den Verhandlungen zum Einsatz kommt.
Professor und Anwalt in Hochform
Weniger frischer Wind weht in den Layton-Kapiteln, welche sich zumeist mit den Hexenprozessen abwechseln – aber so bekannt das Gameplay ist, so wenig stört das fast komplette Ausbleiben von Innovationen (abgesehen von einem tollen Einfall, Phoenix mittels einen Einspruchs die scheinbare Prämisse eines Puzzles auf den Kopf zu stellen – leider ein Einzelfall). Liegt es an der effektiven Leerlauf-Minimierung, indem bei jedem Abschnitt auf der Karte angegeben ist, wie viele Hinweismünzen und eventuelle versteckte Puzzles es zu finden gibt? Am im Vergleich zu anderen Layton-Abenteuern zwar kleineren, aber irgendwie eher angenehm kompakten als unschön beschränkt wirkenden Schauplatz, welcher noch dazu in teilweise wirklich bestechend schönen Bildern inszeniert ist? An den „nur“ 70 Rätseln, die aber angesichts der zahlreichen Vorgänger oftmals mit Originalität überraschen, kaum Wiederholungen beinhalten, stets liebevoll designt und besser denn je in Szenario, Story und Dialoge integriert sind? Oder einfach an der verdammt spannenden Handlung? Wie auch immer – jedenfalls fesseln auch die Professoren-Kapitel wie schon lange nicht mehr!
Ihr seht schon an diesem XL-Review: Es gibt viel über Professor Layton vs. Phoenix Wright: Ace Attorney zu sagen, und der überwältigende Teil davon ist positiv! Habe ich schon erwähnt, dass als Belohnung nach dem Durchspielen der Hauptstory noch zwölf nach und nach veröffentlichte Bonus-Episoden heruntergeladen werden dürfen, die neben jeweils einem tollen neuen Rätsel auch massig Dialoge enthalten, in denen sich die Figuren mit viel Selbstironie und diversen „Fourth Wall Jokes“ äußerst amüsant selbst durch den Kakao ziehen? Oder dass die Musikuntermalung von schlimmstenfalls angenehm-unaufdringlicher, nie nervender BGM bis bestenfalls geradezu bombastischen Kompositionen reicht und dabei ausgezeichnete Remixes und Mash-Ups bekannter Layton- und Ace Attorney-Tracks und fantastische Neukompositionen (genau hinhören, wenn sich die Situation vor Gericht zuspitzt) bietet? Das unwahrscheinliche Crossover zweier Spiele-Stars entpuppt sich, wie schon am Artikelbeginn vorgegriffen, als viel mehr als bloßer Fanservice: Professor Layton vs. Phoenix Wright: Ace Attorney ist hochgradig liebevoll designt und tatsächlich eines der fesselndsten, spannendsten und besten 3DS-Titel bisher!
Fazit
Ob Ace Attorney-Fans, Professor Layton-Anhänger, Liebhaber beider Serien oder komplette Neulinge – Level-5 und Capcom ist es tatsächlich gelungen, ein Spiel zu stricken, das Angehörige aller dieser Gruppen begeistern wird! Das zwischen Gerichtsverhandlungen und rätselgespickten Stadt-Erkundungstouren hin- und herpendelnde Gameplay gestaltet sich äußerst abwechslungsreich, die Hershel-Luke- und Phoenix-Maya-Teams harmonieren überraschend gut und die Story wird jeden vor den (Doppel-)Bildschirm fesseln, der keine völlige Aversion gegen textlastige Titel ohne rasante Action hegt. Schade nur, dass einige aus den Ursprungsserien bekannte Aspekte zu kurz kommen und auch das Potential so mancher cooler neuer Idee nicht 100%ig ausgereizt wird. Aber dafür ist der Soundtrack eine Wucht!
- harmonische Fusion zweier Welten
- schöne Grafik, spitzen-Sound, multilinguale Sprachausgabe
- famose Story
- sehr abwechslungsreich, kaum Leerlauf
- kleinere erzählerische Unstimmigkeiten
- manche Gameplay-Elemente müssen zurückstecken
- Potential nicht immer 100%ig ausgenutzt
Vielen Dank an die Firma Nintendo für die Bereitstellung des Testmusters.


