
Kirby Maß Attack
2011 ist nicht nur das Zelda-Jubiläumsjahr, sondern auch das Jahr des rosa Knödels: Ganz abgesehen von dem in PAL-Regionen in dieses Jahr verschobenen magischen Garns und dem Kirby-Kanal erwartet uns in knapp zwei Wochen die neueste Episode der Kirby-Hauptserie, vielmehr erschien bereits kürzlich eine Handheld-Variante, welche wiederum ganz eigenen Regeln folgt: So stapfen in Kirby Maß Attack bis zu zehn Mini-Kirbys gleichzeitig durch das Traumland!
Ob das Konzept aufgeht oder bei so viel Quantität die Qualität außer Acht gelassen wurde, erfahrt ihr in unserem Testbericht zu Kirby Maß Attack!

Kirby Maß Attack
NDS
- Genre
- Jump ’n‘ Run
- Serie
- Kirby
- Entwickler
- Nintendo
- Publisher
- Nintendo
- Konsole
- NDS
- Spieler
- 1 lokal
- Freigabe
USK ab 6
Der lange überfällige, aber nun umso dichtere Spieleherbst 2011 steht unmittelbar bevor und große Namen wie Zelda Skyward Sword müssen bald beweisen, ob sie den hohen Erwartungen gerecht werden können. Kirby Maß Attack hat es da einfacher: Die vor dem Release gezeigten Videos, welche zehn gleichzeitig herumwuselnde Mini-Kirbys und so etwas wie eine Mischung eines Kirby-Jump&Runs mit den neueren Mario vs. Donkey Kong-Teilen und einem 2D-Pikmin zeigten, machten einen durchaus netten, aber keinen wirklich spektakulären Eindruck und sorgten so nicht unbedingt für Hype. Umso erfreulicher, dass sich der vermutlich letzte Auftritt des rosa Knödels auf dem guten alten DS zu einem wahren Überraschungshit gemausert hat!
Nekrodeus ex machina
Die Geschichte beginnt diesmal – für Kirby-Verhältnisse – schaurig: Begleitet von enorm ohrwurmverdächtiger Musik steigt der – abgesehen von seiner comichaften Knollennase – furchterregende, skelettgesichtige Nekrodeus (Oha, Latein!), Anführer der weniger furchterregend benannten „Schädli-Bande“ (Oha, Schwitzerdütsch!), auf Kirbys Heimatplaneten Pop Star hinab, um besagtem hell strahlenden Himmelskörper das Licht auszuknipsen und ihn in ewige Dunkelheit zu hüllen.
Klar, dass unser Edelknödel etwas dagegen hat, doch wird selbiger gleich durch einen bösen Zauber seitens des Knochenkopfs in zehn jeweils wesentlich schwächere Kirbys zerteilt (Four Swords lässt grüßen!), welche keinerlei Chancen gegen den finsteren Gesellen haben. So bleibt nur einer aus der Zehnerreihe übrig, welcher von einem kleinen, leuchtenden Stern gerettet wird – der Verköperung von Kirbys heldenhaftem Herz, welche trotz der fremdinduzierten „Zellteilung“ keinen Schaden nahm. Klar, wie es weitergehen soll – der Zehntel-Knödel trommelt seine neun Kumpels wieder zusammen, um Nekrodeus Manieren beizubringen und sich mithilfe dessen Zauberstabs wieder in sein eigentliches Selbst zurück zu verwandeln!
Nur ein Abbild seiner selbst...mal 10!
Die Unterschiede zu den Mini-Mario-Titeln aus der Mario vs. Donkey Kong-Reihe stechen dabei schon in der ersten Welt, typischerweise eine Waldlandschaft (Ratet mal, welcher Endgegner hier auf uns wartet!), stark hervor: Anstatt von wenigen Bildschirme großen Puzzle-Spielereien erinnert Maß Attack mit seinen langen Stages und deren Layout überraschend stark an “normale” Kirby-Jump&Runs.
Obwohl die Steuerung wieder komplett anders und gänzlich Touchscreen-basiert ausfällt: Besagter Stern wird mittels Touchpen platziert und dient, wie zu erwarten, als Cursor, auf den sämtliche Kirbys zugehen oder -rennen (per “Doppelklick” auf den Bildschirm). Wer eine Linie direkt über die Marshmallow-Brigade zieht, hebt sie in die Luft und kann sie eine begrenzte, aber großzügig gewählte Distanz über zu hoch gelegenen Punkten bringen, was gewissermaßen die Flugfähigkeit des “normalen” Kirbys aus früheren Episoden ersetzt. Apropos bekannte Moves: Ihre Gegner einsaugen können die Zehntel-Knödel auch nicht mehr – vielmehr prügeln sie einfach in der Gruppe auf Gegner ein; als Kommando hierfür reicht einfach ein Antippen der Schurken.
Gibt´s a Massenschlägerei, is´ der Kirby immer live dabei!
Aber halt! Wo kommen die Kirbys 2 bis 10 nun überhaupt her, wenn storymäßig alle außer einem Nekrodeus zum Opfer gefallen sind? Nun ja – man beginnt zwar das Spiel (und den ersten Level einer jeden Welt) als einsamer Wolf, doch werden genug Früchte gesammelt, um eine entsprechende Leiste zu füllen, so erscheint rasch ein rosa Kollege (Bitte nicht hinterfragen, woher und warum!) und unterstützt uns. Faustregel: Je mehr Kirbys, desto besser – klar, dass ein Bösewicht viel rascher den Geist aufgibt, wenn ein Zehnerreihe von Blobs auf ihn losgeht als wenn ein einzelner nur wenig bedrohlich seine kurzen Ärmchen schwingt.
Die “Einzelteile” des gespaltenen Helden von Pop Star arbeiten also sehr viel zusammen – mit einer “Wisch”-Bewegung des Stylus über einen einzelnen partiellen Protagonisten ist es jedoch auch möglich, selbigen aus der Gruppe herauszugreifen und Pikmin-mäßig zu werfen: Auf den Kopf von Gegnern mit stacheligen Körpern (Stichwort Kakteen), auf Griffe oder Wurzeln, die bei genügend Gegengewicht Extras oder Geheimgänge freigeben, auf zerbrechliche Blöcke et cetera. Oder, besonders wichtig, um angeschlagene Kirbys – welche farblich von Rosa auf Blau wechseln – durch heilende, magische Ringe zu katapultieren, welche ihre Wunden heilen. Ach ja: Blaue Kollegen, die wiederum erwischt werden, entschweben als Engel gen Himmel – es sei denn, nach ihm geworfene Edelknödel erwischen ihn und ziehen ihn zurück ins Leben. Aber keine Sorge, wenn die Rettungsaktion misslingt – wir sind hier glücklicherweise nicht bei Fire Emblem, sondern müssen nur ausreichend viele Früchte mampfen, damit der verlorene Kumpel wieder auftaucht.
Angriff und Rückzug!
Kurz, die Steuerung ist anfangs gewöhnungsbedürftig, aber insgesamt intuitiv, simpel und lässt später auch noch die eine oder andere weitere Finesse erkennen (Prügeln sich etwa die Kirbys gerade mit einem größeren Schurken, der kurz davor ist, eine vernichtende Attacke auszuführen, führt ein Doppelklick auf die Umgebung zu einem raschen Rückzug). Weiters ist sie, ganz wichtig, sinnvoll: Anders als z.B. bei den DS-Zeldas würde hier eine Button-Steuerung bei den wuseligen zehn Kirbys, die einerseits gemeinsam, aber andererseits auch einzeln steuerbar sein sollen, sicher nicht der Weisheit letzter Schluss sein.
Ganz perfekt sind die Kontrollen aber leider auch wieder nicht – wenn beim Sprint durch die Landschaften die hinteren Kirbys mal kurz hängenbleiben oder im Zuge der Schwebe-Aktion ein Knödel gerade nicht erfasst wird und hinunterplumpst, wird man meist durch das tolle Design der Levels und die einfallsreichen, superniedlichen bis völlig skurrilen Kreaturen, welche die selbigen bevölkern, sehr rasch wieder versöhnlich gestimmt; sucht man jedoch nach den teils durchaus verzwickt versteckten Medaillen (mindestens drei pro Abschnitt, meist mehr) oder versucht gar, einen goldenen Stern zu ergattern, indem eine Stage völlig ohne Gegentreffer abgeschlossen wird, kann es schon mal ordentlich ärgern, wenn die Dreamlander nicht so ganz das machen, was man eigentlich wollte.
Eine Odyssee der Seltsamkeiten
Aber genug gemeckert – denn Kirby Maß Attack macht einfach verdammt viel Spaß! Denkt man sich in Welt 1-1 noch “Eine wirklich nette Spielidee!”, wird schon bald ein “Hätte nicht gedacht, dass das Spiel so toll wird!” daraus. Denn einerseits ist der Umfang wirklich nicht ohne – vier Welten mögen wenig klingen, doch wenn die erste bereits 10 Levels plus Boss-Stage fasst und es schon allein für die Absolvierung derselben mit allen Medaillen durchaus eine ganze Weile dauert, dann kann man sich wirklich nicht beklagen.
Andererseits ist der Ideenreichtum wirklich beachtlich – auch wenn z.B. Welt 1 das übergreifende Thema “Wald” besitzt und Welt 2 als Wüste daherkommt, unterscheiden sich die einzelnen Unterlevels meist wirklich stark voneinander: Mal grüne Wiesen, mal regnerische Gefilde, hier Höhlen, da finstere Wälder, bevölkert mit Whispys boshafter Verwandtschaft (Beliebigen Wortwitz mit “Stamm-Baum” hier einsetzen), einmal Wüste, ein andermal unterirdische Ruinen, zunächst müssen Vögelchen an bösartigen, fliegenden Monster-Eiern (ja, wirklich) vorbei bugsiert werden, danach geht es per Turbo-Aufzug durch einen Pseudo-Turm-zu-Babel, welcher in einer spielerisch wieder gänzlich andersartigen Heißluftballonfahrt mündet: Ja, Maß Attack ist ideenreich!
Name: Kirby Maß Attack. Nebenjob: Spielesammlung!
Aber der Clou ist ohnehin die Bonus-Sektion: Hier können gefundene Medaillen gegen teils nette kleine, aber teils auch ausgewachsene, geradezu geniale Minigames eingetauscht werden! Wenn hier etwa mehrere Boss-Stages, ein Bonuslevel und nach dem erfolgreichen Durchspielen gar eine Tastenkombination für den Boss-Rush-Modus (!) mit von der Partie sind oder man jeden Level mit der Bestpunktezahl abschließen will, um sich eine Goldkrone zu verdienen, dann vergisst man glatt, dass eigentlich gerade Kirby Maß Attack im Modulschacht steckt.
Und während im Hauptspiel vermehrt auf neue Schurken gesetzt wird, treten in den Minigames zahlreiche bekannte Gesichter – teils auch “Feinde aus der zweiten Reihe”, die man nicht unbedingt erwartet hätte – auf, was diesen Boni erst recht einen besonderen Charme für Kirby-Kenner verleiht; wer genau hinsieht, entdeckt sogar den einen oder anderen Cameo, welcher sich auf die Zeichentrickserie bezieht.
Dies und das
Kurz: Diese Spielchen sind überwiegend dermaßen unterhaltsam, dass sie nicht nur gerne mal das Hauptspiel vergessen lassen, sondern im Gegenteil auch umso mehr dazu motivieren, möglichst alle Medaillen in demselben zu sammeln. Ich will natürlich nicht zu viel verraten – aber ein Highlight stellt etwa ein waschechter Vertikalshooter in Twinbee-Manier dar! Ach ja, und falls euch Kirby´s Pinball Land für den guten alten Game Boy damals ebenso gut gefallen hat wie mir, dann seid ihr fast schon moralisch verpflichtet, euch Maß Attack zuzulegen...
Und als wären der schiere Umfang, Medaillen- und Sternenjagd nicht genug, existiert auch noch eine mit Achievements/Trophies aus dem Microsoft- und Sony-Bereich vergleichbare Aufgabenliste der Marke “Absolviere Level xy mit 10 Kirbys”, “Finde und besiege den goldenen Gegner in Level xy”, “Besiege 50 Gegner eines bestimmten Typs” et cetera. Wer sich amüsiert, ein solches Feature gerade in einem Spiel des notorischen Achievement-Verweigerers Nintendo zu finden, der sei daran erinnert, dass es gerade Kirby war, der anno 2003/2004, also bereits vor dem großen Hype um das Prinzip, in Kirby Air Ride ein ganz ähnliches System einführte, welches dann auch fast unverändert in Super Smash Bros. Brawl übernommen wurde.
Ohrwurmverdächtig!
Zuletzt noch ein paar Worte zur Technik: Optisch erinnert der aktuelle Titel stark an die DS-Vorgänger, welche wiederum an ihre Prequels für GBA erinnerten, die ihrerseits ihre eindeutige Verwandtschaft mit den SNES-Titeln nicht leugnen konnten. Spektakulär fällt der Look also nicht aus, jedoch charmant wie immer und an den hochklassigen Animationen gibt es wiedermal gar nichts auszusetzen.
Der Sound dagegen schlägt sich geradezu verdammt gut: Angefangen mit dem ebenso quäkenden wie unvergesslichem Titelthema und Nekrodeus´ Melodie, welche mir beim Schreiben dieser Zeilen wieder durch den Kopf huscht, wartet Ohrwurm um Ohrwurm auf euch! Ob Variationen des Hauptthemas, welche wieder eine ganz eigene Stimmung erzeugen, Tracks mit Anklängen an frühere Episoden (Stichwort Sky Sands aus Kirby Air Ride – großartig!) oder gänzlich eigenständige Kompositionen – die Melodien bekommt so schnell keiner aus dem Kopf und oszillieren zwischen fröhlich-witzig und episch-melancholisch, dass es nur so eine Freude ist.
...und es schließt sich der Kreis (mit zwei Augen und ´nem Mund).
Um zuletzt wieder zum Anfang zurückzukehren: Kirby Maß Attack ist nicht “nur” ein gutes Serien-Spinoff, sondern ein wahrer Überraschungshit, der zwar, nicht zuletzt aufgrund der ab und zu auftretenden Mängel in der grundsätzlich definitiv gelungenen Steuerung, einen kleinen Respektsabstand zur 9er-Wertung einhalten muss, aber fesselt und geradezu glänzend unterhält. Assoziationen zu Kirby Power Paintbrush von vor sechs Jahren drängen sich auf, aber in einem gewichtigen Punkt macht es Maß Attack klar besser: Power Paintbrush war echt toll, aber hatte außer dem überragenden Endkampf samt ebensolcher Musikuntermalung aufgrund des Gameplays und den stark minispielartigen “Bosskämpfen” nur wenig mit den Jump&Run-Episoden gemein. Maß Attack dagegen gelingt das Kunststück, sich einerseits wirklich frisch und anders, aber andererseits wieder angenehm vertraut zu spielen – als wäre es ein hervorragender Serien-Nachfolger im etablierten J&R-Stil und ein hochklassiges, neuartiges Spin-Off in einem. Und es kommt sogar, man höre und staune, ohne einen albern eingedeutschten Titel aus!
Fazit
Es ist schon seltsam – 3DS-Besitzer sitzen softwaremäßig immer noch ziemlich auf dem Trockenen (was sich aber glücklicherweise sehr bald ändern wird), während der gute alte DS auf seine alten Tage 2011 einen wahren zweiten Frühling erlebt: Erst Ghost Trick, dann Pokémon Schwarz und Weiß, Okamiden sowie Solatorobo und jetzt Kirby Maß Attack! Wer sich im heurigen Spieleherbst nur auf die ganz großen Namen vom Schlage eines Mario oder Zelda beschränkt oder den 2005er-Handheld bereits eingemottet hat, verpasst eine enorm liebevoll designte, vor Charme strotzende und fesselnde kleine Perle!
- tolle Gameplay-Idee sehr gut umgesetzt
- fühlt sich frisch und vertraut gleichermaßen an
- Hammer-Secrets
- meist wunderschöner Soundtrack
- Steuerung nicht immer ganz optimal
Vielen Dank an die Firma Nintendo für die Bereitstellung des Testmusters.


