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No More Heroes

No More Heroes

Shiek Katzenwald

Nach dem überragenden Killer 7 warteten viele Spieler sehnsüchtig auf das nächste Projekt der Softwareschmiede Grasshopper. Deren kreativer Kopf Suda51 hatte mit No More Heroes einen Wii-exklusiven Titel in der Mache. Nachdem nun zwei sehr ähnliche Fassungen erschienen sind, widmen wir dem Spiel einen ausführlichen Test. Wir haben uns in diesem Fall für den Import der amerikanischen Version entschieden. Ob sich dies wirklich gelohnt hat, und ob No More Heroes ähnlich wie Killer 7 begeistern kann, lest ihr in unserem Testbericht!

Was haltet ihr von dem Spiel und welche Version bevorzugt ihr? Teilt eure Meinung in den Kommentaren mit, oder schreibt selbst einen Kurztest in unsere Game-List!

No More Heroes

WII

Entwickler
Grasshopper
Publisher
Rising Star
Konsole
WII
Spieler
1 lokal
Freigabe
USK ab 16

Was herauskommt, wenn man in einer Leichenhalle arbeitet und sich danach bei einer Videospielfirma bewirbt, sieht man hervorragend an Gôichi Suda, der besser unter dem Namen Suda 51 bekannt ist. Mit Killer 7 schuf er ein außergewöhnliches Spiel, das eine Fülle an Interpretationsmöglichkeiten zuließ und dabei ein einzigartiges Gameplay innehatte. Erst kürzlich haben wir euch das Spiel in einem kleinen Special näher gebracht. Die Ankündigung von Heroes für die Wii war daher ein erfreuliches Ereignis, allerdings dauerte die Entwicklung einige Zeit, in der das Spiel auch in den finalen Namen „No More Heroes“ umbenannt wurde. Die Hintergrundgeschichte ist schnell erzählt: Videospielnerd und Otaku Travis Touchdown wird von einer attraktiven Blondine namens Sylvia Christel - wer den Namen dieser Frau zu kennen glaubt, sollte mal schauen, welche Filme die echte Sylvia Kristel gedreht hat - bezirzt und bekommt von ihr den Auftrag, die zehn besten Killer zu töten. Ganz umsonst soll er das natürlich nicht tun, schließlich bietet Sylvia das an, was wohl jeder Mann von ihr will: eine Nacht mit ihr! Nicht umsonst sorgt sie dafür, dass der Pornofan Travis regelmäßig erregt den Telefonhörer in der Hand hält, etwa wenn sie klarstellt, jeden Zentimeter ihres Körpers mit Parfum zu besprühen oder sie gerade eine Massage erhält. Leider erhält der Held auch mindestens ebenso viele Anrufe aus der Videothek, die entliehene Pornos zurückfordert, oder ihn darauf aufmerksam macht, dass er lediglich die Kopie zurückgegeben hat, die er wohl für die Ewigkeit angefertigt hat.

Ein Videospiel als Kunstwerk: Gewalttätig – Sexy – Satirisch

Bevor aber ein falscher Eindruck entsteht: Der sexuelle Unterton ist zwar omnipräsent, dominiert das Spielgeschehen aber keineswegs. Ziel sind einzig und allein die Killer, die der Spieler mit Travis ausschaltet. Dabei verschränkt No More Heros die virtuelle Welt mit der realen, indem immer wieder Bezug auf den Zocker „da draußen“ genommen wird. So wird der Spieler explizit durch Travis zum Spielen mit der Wii-FB aufgefordert. Seltsam ist auch, dass der Home-Button in Travis’ Motelzimmer deaktiviert ist. Vielleicht soll es dem Spieler klar machen, dass er ja bereits zuhause ist? Sudas Spiele spiegeln in jedem Fall die aktuelle Medienlandschaft wider und parodieren diese.

Auf den ersten Blick könnte man einen Vergleich mit der GTA-Serie ziehen, dem muss aber widersprochen werden, denn No More Heroes bietet ein deutlich lineareres Spielerlebnis, welches gerade deshalb auch sehr intensiv ist. Für jeden Mordauftrag benötigt der Spieler Geld, welches er in den harmlosen Nebenjobs verdienen kann. Hier wird auch reger Gebrauch der Bewegungserkennung der Wii-FB gemacht. Die Aufgaben sind sehr vielfältig, so kann Travis zum Beispiel Kokosnüsse sammeln, Graffitis entfernen, Katzen suchen oder Rasen mähen. Sofern er diese Aufgaben zufrieden stellend abschließt, eröffnen sich lukrativere Aufgaben, die immer mit der Eliminierung von einem oder mehreren Gegnern zu tun haben. Hier kommt auch das geniale Kampfsystem zum Einsatz - aber dazu später mehr! Sobald der geforderte Betrag erreicht ist, muss dieser an einem Bankautomaten abgegeben werden, und schon öffnet sich der Weg zum nächst besseren Killer. Wenn ein solcher Bereich betreten wurde, wechselt die offene Spielstruktur zu kleineren Levels, die sich meistens auch thematisch deutlich voneinander unterscheiden. Hier kämpft sich Travis durch die Gegnerscharen, bis er endlich dem jeweiligen Endgegner gegenübersteht. Wird dieser besiegt, beginnt das Spiel wieder von vorne: Geld durch Nebenjobs und Tötungsmissionen verdienen, um weiter aufsteigen zu können. Gespeichert wird übrigens ausschließlich auf Toiletten – inwiefern es sich hier um eine komplexe Metapher handelt, überlasse ich eurer Fantasie!
Die klare Struktur wird aber durch einige zusätzliche Aufgaben aufgelockert: So können die Ersparnisse auch in eine Vielzahl an Klamotten investiert werden. Besonders hervorzuheben sind die Unmengen an T-Shirts, die nicht umsonst an den Travis aus Killer 7 erinnern, der bei jedem neuen Treffen ein anderes Kleidungsstück trug – als Leiche wohlgemerkt. Neue Kräfte bekommt man in einer merkwürdigen Muckibude. Hier wird echter Einsatz gefordert, der sich auf das Fuchteln mit den Armen beschränkt. Findet man sieben Bälle in Santa Destroy, verrät der nette Alkoholiker um die Ecke einem zudem neue Fähigkeiten, die allesamt den Kräften der sieben Persönlichkeiten aus Killer 7 entsprechen… Anspielungen auf dieses Spiel, aber auch Filme und andere Medien finden sich zuhauf! Dr. Naomi ist für neue Waffen, die so genannten Beam Katanas, zuständig, die dann auch noch bei ihr mit Upgrades versehen werden können. Im Videoladen – der, der Travis eigentlich schon zehnmal gekündigt haben müsste – kann Travis sich neue Videos kaufen. Für einige von euch kommt jetzt die große Enttäuschung: keine Pornos, sondern Wrestling-Videos, die aber zumindest für neue Moves sorgen, sobald sie im Motel angeschaut wurden.

Eine Zensur findet - in den USA - nicht statt

Das Spielprinzip ist erfrischend geradlinig und kommt ohne den Versuch aus, die moralisch bedenklichen Verhaltensweisen zu kommentieren und somit einen Realitätsbezug herzustellen. So liegt es letztlich am Spieler, ob er sich auf diese Erfahrung einlassen möchte. Was Grasshopper Manufacture aus dieser einfachen Geschichte gemacht hat, verdient in jedem Fall Respekt: Die vielen Zwischensequenzen gehören mit zum Besten, was Videospiele zu bieten haben. Die Geschichte ist so eindeutig an ein erwachsenes Publikum adressiert, dass neben der Gewalt auch eine erfreulich unzüchtige Sprache herrscht. Ich lobe aber nicht um der Gewalt oder derben Sprache willen, sondern weil alles andere nicht in das Konzept gepasst hätte. Etwa so, wie wenn Quentin Tarantino bei Kill Bill versucht hätte, eine niedrigere Altersfreigabe zu erhalten, nur um mehr Menschen ansprechen zu können. Ein Rachefeldzug, bzw. bei No More Heroes ein Feldzug gegen die besten Assassinen der Welt, kann eben kaum unblutig geregelt werden. An diesen Punkt möchte ich auch kurz auf die US-Version eingehen, die weltweit die einzige unzensierte ist. Es lassen sich übrigens im Internet leicht Aussagen von Grasshopper finden, nach der die jeweilige Version (zensiert/unzensiert) die eigentlich „richtige“ sein soll – reines Marketing also. Während man in den USA rote Blutfontänen und zahlreiche abgetrennte oder explodierende Körperteile zu Gesicht bekommt, verpuffen die Gegner auf der restlichen Welt artig zu kleinen Aschehäufchen. Wer sich die Mühe macht und bei YouTube die Vergleichsvideos anschaut, wird feststellen, dass offenbar doch die US-Version die wahre ist – einige Zwischensequenzen wirken in der zensierten Variante arg bemüht und ganze Kamerafahrten laufen ohne Pointe ins Leere.
Hier aber die gute Nachricht: Welche Version letzten Endes auch gespielt wird, an der eigentlichen Qualität des Spiels ändert sich wenig. Das Gameplay besitzt zwar Licht- und Schattenseiten, kann aber letztlich überzeugen. Travis’ Motorrad, der Schpeltiger, steuert sich träge, als hätte es vier Räder, aber ist letztlich auch nur Mittel zum Zweck, um von A nach B zu kommen. Schließlich gibt es keine Rennmissionen oder ähnliches. Viel wichtiger ist die Kampfsteuerung und diese kann sich wirklich sehen lassen: Mit A schlägt Travis mit seinem Lichtschwert (wer hier an Star Wars denkt, wird im Spiel für diese Assoziation belohnt), B dient zum Treten, was Gegner eventuell verwirrt. Dann lassen sich verschiedene Wrestling-Moves ausführen, die ähnlich wie der tödliche Schlag immer durch die Bewegung der Wii-FB und manchmal auch des Nunchuks ausgeführt werden. Dabei zeigen Pfeile an, in welche Richtung man sich bewegen muss. Lustlos mal eben eine Runde spielen fällt somit flach, No More Heros verlangt schon ein wenig Körpereinsatz. In den Endkämpfen hilft dann wildes Tastendrücken eher wenig, ein bisschen Taktik ist schon gefragt. Besonders voreilige Spieler werden manchmal auch mit dem sofortigen Tod daran erinnert, ein wenig besonnener vorzugehen. Manche Endgegner lassen sich nämlich nicht jederzeit stumpf behaken. Für einen zusätzlichen Anreiz sorgen drei Walzen, die nach dem Ableben eines Gegners rotieren, ähnlich wie einarmige Banditen. Bei drei gleichen Symbolen wechselt Travis in einen besonderen Zustand, bei dem die Gegner spielend seiner Lichtklinge zum Opfer fallen.

Leider ist die Auswahl der einzelnen Missionen zu aufwendig, da im Falle des Versagens nicht einfach „Wiederholen“ angewählt werden kann, sondern zuerst wieder der ursprüngliche Auftraggeber aufgesucht werden muss. Hier wird der Ehrgeiz, eine optionale Mission zu schaffen, bereits im Keim erstickt.

Eigenwilliger Stil trifft auf technische Realität

Grafisch offenbart No More Heroes sicher die größten Schwächen, obwohl auch hier wieder der Kern des Spiels sehr gut funktioniert: Die einzelnen Level der zehn Killer sind sehr stimmungsreich aufgemacht und bieten in der Regel auch viele kleine Details. Die Figuren selbst sehen fantastisch und irre aus, auch hier keine Kritik. Problematisch wird es eher, wenn man sich einfach durch Santa Destroy bewegt: Hier ist die Framerate nicht konstant und viele Gebäude tauchen plötzlich aus dem Nichts auf. Dabei werden auf den unbelebten Straßen der Wii sicher keine Meisterleistungen abgefordert. Hier bleibt das Gefühl zurück, dass in diesen Teil des Spiels – aus welchen Gründen auch immer – die wenigste Aufmerksamkeit und Zeit investiert wurde. Dafür ist zum Beispiel Travis’ Zimmer sehr detailliert und voll gestopft mit seinem Fanzeug. Trotzdem sollte Suda 51 im hoffentlich folgenden Sequel auf diesen Aspekt besonderes Augenmerk legen.

No More Heroes bleibt im Kopf…und im Ohr!

Die Musik geht teilweise richtig ins Ohr und passt sehr gut zum Spielgeschehen. Besonders das Lied „Heavenly Star“ hat es mir angetan, ein echter Ohrwurm. Falls es zudem wirklich von einem Vocaloid, also einer künstlichen Computerstimme gesungen wird, sehe ich für zukünftige „Superstars“ schwarz… Nicht umsonst läuft das Lied wohl an vielen Orten in Santa Destroy. Die Soundeffekte sowohl bei den Kämpfen, als auch auf dem Motorrad gehen auch in Ordnung. Richtig Mühe haben die Entwickler in die aufwendige Sprachausgabe gesteckt: Viele verschiedene Sprecher, teilweise mit Akzent, vermitteln ein realistisches Bild und unterstreichen somit das durchdringende Spielerlebnis.

8.5Wertung

Fazit

No More Heroes ist sicher nicht perfekt, kleine Schwachpunkte sind schnell auszumachen. Und doch: Dieses Spiel besitzt einen künstlerischen Geist, der selten bei einem Videospiel so spürbar ist – Grasshopper hatte eine Vision, die zielstrebig umgesetzt wurde. Wer schon in der Casual-Welle unterzugehen drohte, kann mit No More Heroes fantastisches, erwachsenes Entertainment erleben.

Design
8.0
Sound
8.5
  • Fantastische Präsentation
  • Kampf-Gameplay unerreicht
  • Voller Referenzen und Anspielungen
  • Schwache Grafik in der "offenen" Welt
  • Überarbeitungswürdiges Missionssystem

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