
Realm of Ink
Roguelites haben seit dem Erfolg von Hades Hochkonjunktur. Entsprechend groß ist die Herausforderung für neue Vertreter des Genres, eigene Akzente zu setzen und gleichzeitig die spielerische Klasse des Vorbilds zu erreichen. Realm of Ink versucht genau diesen Spagat: Statt griechischer Mythologie setzt das Action-Roguelite auf eine chinesisch inspirierte Fantasy-Welt, einen markanten Tuschemalerei-Stil und eine Geschichte über Schicksal, Freiheit und Selbstbestimmung. Die Ansätze dafür sind durchaus vielversprechend. Wie gut Inspiration und Qualität zusammenkommen, lest ihr in diesem Nintendo Switch Review.

Realm of Ink
NSW
- Genre
- Action-Adventure
- Entwickler
- 4Divinity
- Publisher
- 4Divinity
- Konsole
- NSW
- Spieler
- 1 lokal
- Freigabe
USK ab 12
Zwischen Schicksal und Schatten
Auf der Suche nach der eigenen Geschichte
Im Mittelpunkt steht die Kriegerin Red, die auf der Jagd nach einem Fuchs-Dämon eine erstaunliche Wahrheit entdeckt: Ihr Leben scheint von einer höheren Macht innerhalb eines Buches vorbestimmt zu sein. Um die Wahrheit über ihre Existenz zu erfahren, muss sie sich gegen das ihr auferlegte Schicksal stellen.
Die Grundidee besitzt Potenzial und fügt sich stimmig in das fernöstliche Setting ein. Auch die Charakterdesigns wissen zu gefallen. Figuren, Gegner und Umgebungen profitieren von einem attraktiven Stil, der die chinesischen Einflüsse sichtbar transportiert. Allerdings bleibt es meist bei diesem ersten positiven Eindruck. Die Charaktere entwickeln nur wenig Profil, ihre Geschichten bleiben oberflächlich und die Handlung schreitet vergleichsweise langsam voran. Gerade im direkten Vergleich zu den genreprägenden Erzählstrukturen eines Hades fehlt es Realm of Ink an emotionaler Tiefe und erinnerungswürdigen Momenten.
Bekannte Roguelite-Kost mit solider Progression
Spielerisch orientiert sich Realm of Ink sehr deutlich am großen Vorbild. Nach jedem gescheiterten oder erfolgreichen Durchlauf kehrt ihr in einen Hub-Bereich zurück, in dem ihr mit NPCs interagiert, Informationen einsehen und dauerhafte Verbesserungen freischalten könnt.
Über eine Talent-Stele investiert ihr gesammelte Ressourcen beispielsweise in mehr Lebenspunkte, stärkere Angriffe, höhere kritische Trefferchancen oder defensive Fähigkeiten. Dadurch entsteht die typische Roguelite-Motivation: Jeder Run macht die Heldin ein wenig stärker und eröffnet neue Möglichkeiten für kommende Versuche.

Während der Durchläufe sammelt ihr zudem Artefakte, magische Fähigkeiten mit positiven wie negativen Effekten, und Verbesserungen für eure Tintenkräfte. Ergänzt wird das Kampfsystem durch das niedliche Tinten-Haustier Momo sowie verschiedene Spezialeffekte, die zusätzliche Synergien ermöglichen. Die Grundlage funktioniert und sorgt action- und effektreiche Gefechte. Besonders das Build-Management profitiert davon, wenn ihr über die Zeit verschiedene Angriffsfähigkeiten freigeschaltet habt, eure Tinten-Effekte bis zu legendärer Stufe aufwertet und gleichzeitig mit dauerhaften Perks und den Risk-Reward-Items eure Runs verändert. Abhängig davon, auf welche Effekte ihr setzt, passt sich auch die Gestalt und der Angriff von Momo an, der euch im Kampf zur Seite steht und im Hub gefüttert werden will, damit sich auch seine Stats verbessern.
Darüber hinaus könnt ihr in den Runs Elixiere finden, teilweise die nächsten Raum-Belohnungen festlegen und euch auf diverse Zwischen- und Hauptbosse freuen, die spielerisch abwechslungsreich und absolut spaßig sind.
Zwischen Spielspaß und Balance-Problemen
Gerade in den ersten Stunden zeigt Realm of Ink immer wieder, warum das Genre so beliebt ist. Das schnelle Movement, die Ausweichmanöver und die Vielzahl an Aufwertungen erzeugen einen angenehmen Spielfluss. Allerdings offenbaren sich mit zunehmender Spielzeit einige Schwächen.
Besonders auffällig ist die unausgewogene Balance. Auf der niedrigsten Schwierigkeitsstufe (von insgesamt 7 über die Zeit) entwickelt sich das Spiel stellenweise zum Selbstläufer. Mit wenigen Upgrades lassen sich enorme Schadenswerte erzielen, wodurch selbst Bosskämpfe überraschend schnell beendet werden können. Teilweise schmelzen Lebensleisten regelrecht dahin, ohne dass immer nachvollziehbar wäre, welche Effekte dafür verantwortlich sind. Im Late-Game dürft ihr aber auch zusätzlich erschwerende Modifikatoren einstellen, die euch mehr abverlangen, dafür aber auch die Belohnungen erhöhen, wie es schon bei den höheren Schwierigkeitsstufen der Fall ist.

Auf höheren Schwierigkeitsstufen gewinnen Ausweich- und Pariermanöver zwar an Bedeutung, dennoch hinterlässt das Balancing insgesamt einen unausgereiften Eindruck. Das eigentliche Kampfsystem besitzt Potenzial, erreicht aber nicht die Feinabstimmung, die man sich von einem modernen Roguelite wünscht.
Hinzu kommt, dass die spielerische Vielfalt hinter den Erwartungen zurückbleibt. Trotz zahlreicher Sammelobjekte, Artefakte und Fähigkeiten wirkt das grundlegende Moveset vergleichsweise überschaubar, auch wenn die Animationen der verschiedenen Element-Angriffe (Holz, Wasser, Feuer, Metall, Erde etc.) durchaus ansprechend sind. Auch die Komplexität des Fortschrittssystems erschöpft sich etwasschneller als erwartet, sodass ihr in eurer Sammlung zügig einen Großteil der auffindbaren Artefakte, Magieangriffe und Begleiter aufgelistet findet. Gleichzeitig werden euch von vorn herein alle auffindbaren Dinge dargestellt, lediglich der Vermerk, ob bereits erhalten, wird hinzugefügt und das zugehörige Anzeigesymbol nicht mehr ausgegraut.
Wiederholung statt Entdeckung
Ein weiterer Schwachpunkt zeigt sich beim Leveldesign. Zwar durchquert ihr unterschiedliche Regionen, die eigentlichen Räume wiederholen sich jedoch häufig und bieten nicht, wie bei Hades und anderen Roguelikes, Abzweigoptionen. Die Gestaltung bleibt meist funktional und wirkt oft erstaunlich rudimentär. Einzelne hübsche Dekorationselemente wie Vasen oder kleinere Tempel sorgen zwar für etwas Atmosphäre, können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele Areale eine Nuance zu wenig Charakter besitzen. Dafür gelungen sind die Sprites und Animationen in den Kämpfen, die sich zu wahren Effektfeuern entwickeln können.
Dadurch fehlt ein wichtiger Bestandteil guter Roguelites: die Freude am Entdecken neuer, überraschender Situationen. Viele Räume wirken austauschbar und verlieren, bei mehrfachen Runs, schnell ihren Reiz.
Technischer (Ein-) Schnitt
Die größten Probleme liegen jedoch im technischen Bereich. Während unseres Tests litt Realm of Ink nahezu permanent unter Performance-Schwankungen. Mikro-Ruckler treten regelmäßig auf und verstärken sich deutlich, sobald zahlreiche Gegner und Effekte gleichzeitig auf dem Bildschirm erscheinen.
Gerade in einem Action-Roguelite, das schnelle Reaktionen und präzise Ausweichmanöver verlangt, wirken solche Probleme besonders störend. Hinzu kommen auffällig lange oder fehlerhafte Ladeprozesse. Zwischensequenzen in Form von Standbildern erscheinen häufig unscharf, verwaschen und werden sichtbar verzögert geladen. Wenn dies vor jedem Start eines Runs, vor einem Boss oder dem Übergang zu einem neuen Bereich erfolgt, wird das Spielgefühl letztlich konsequent gehemmt.
Auch die Benutzeroberfläche hinterlässt keinen ausgereiften Eindruck. Immer wieder werden Texte von anderen Elementen überlagert, Menüpunkte abgeschnitten oder Schaltflächen fehlerhaft dargestellt. Zusätzlich fanden sich Übersetzungsprobleme, fehlerhafte Textzeichen sowie vereinzelt sogar chinesische Schriftzeichen innerhalb deutscher Texte. Für ein veröffentlichtes Spiel sind solche Mängel nur schwer zu entschuldigen.

Schöne Ideen, mäßiger Klang
Akustisch setzt Realm of Ink auf fernöstliche Klänge und traditionelle Instrumente, die das Setting grundsätzlich passend unterstützen und tonal Freude machen. Die musikalische Untermalung trägt stellenweise zur Atmosphäre bei und unterstreicht die chinesische Identität des Spiels. Erwähnenswert ist auch, dass ihr einen Bereich freischaltet, in dem ihr euch Sequenzen und Musikstücke erneut zu Gemüte führen dürft.
Leider wird auch dieser positive Eindruck von technischen und qualitativen Schwächen begleitet. Die Synchronisation schwankt deutlich in ihrer Qualität. Einige Sprecher liefern solide Leistungen ab, andere bleiben überraschend blass. Hinzu kommen Lautstärkeprobleme, unausgewogene Soundeffekte und Dialoge, die teilweise asynchron, ohne Synchronisierung oder fehlerhaft dargestellt werden. Dadurch entsteht ein Soundbild, das zwar seine Momente hat, insgesamt aber nur Durchschnitt erreicht.
Fazit
Realm of Ink ist ein Spiel mit riesigem Potenzial. Das chinesisch inspirierte Setting, die hübschen Charakterdesigns und die bewährte Roguelite-Struktur schaffen eine durchaus interessante Grundlage. Wer Hades mochte, wird viele bekannte Elemente wiedererkennen und sich schnell zurechtfinden. Gleichzeitig wird aber ebenso deutlich, warum das Vorbild weiterhin zur Genre-Spitze gehört. Realm of Ink fehlt es an erzählerischer Tiefe, spielerischer Feinabstimmung, abwechslungsreichem Leveldesign und vor allem an technischer Qualität. Performance-Probleme, Interface-Fehler, Übersetzungsmängel und Balancing-Schwächen verhindern, dass die guten Ideen ihr volles Potenzial entfalten können.
- Attraktiver Tuschemalerei-Stil
- Motivierendes Roguelite-Fortschrittssystem
- Differenziertes Itemmanagement
- Vielfältige Builds möglich
- Deutliche Performance-Probleme
- Unausgewogenes Balancing
- Schwankende Präsentation
- Mäßig abwechslungsreiches Leveldesign
Vielen Dank an die Firma 4Divinity für die Bereitstellung des Testmusters.


