
Fallout 4: Anniversary Edition
Bethesda hat in den vergangenen Jahren eine bemerkenswerte Routine entwickelt: Ihre großen Marken sollen nicht im Archiv verstauben, sondern immer wieder neu ins Rampenlicht treten. Kaum hat sich die Überraschung über die Veröffentlichung von The Elder Scrolls V: Skyrim auf der Nintendo Switch 2 gelegt, folgt nun der nächste Schwergewichtsbruder aus dem eigenen Haus – das düstere, retrofuturistische Fallout 4. In der Anniversary Edition bringt Bethesda nicht nur das Hauptspiel auf die Hybridkonsole, sondern gleich ein prall gefülltes Gesamtpaket: alle sechs offiziellen DLCs sowie mehr als 150 Inhalte aus dem Creation Club, von neuen Waffen über zusätzliche Quests bis hin zu kosmetischen Erweiterungen.
Für die Switch 2 Hardware ist das ein Brocken, der nicht unterschätzt werden sollte. Die zugrunde liegende Skyrim Engine gilt seit jeher als zweischneidiges Schwert: flexibel, weitläufig, aber auch berüchtigt für ihre Eigenheiten, technischen Stolpersteine und gelegentliche Bugs, die selbst Jahre später noch als Running Gag in der Community kursieren. Dass Bethesda dieses technisch anspruchsvolle Rollenspiel nun auf eine mobile Plattform bringt, weckt gleichermaßen Neugier wie Skepsis – kann die neue Nintendo Konsole das Ödland wirklich stemmen, ohne unter der Last der Radioaktivität und der Engine Historie einzuknicken?
Eine verstrahlte Geschichte
Die Geschichte von Fallout 4 entfaltet sich wie ein bitterer Abgesang auf eine Welt, die längst untergegangen ist, und beginnt doch mit einem Moment trügerischer Normalität. Noch bevor die Bomben fallen, lebt der Protagonist – wahlweise als Mutter oder Vater – ein ruhiges Vorstadtleben im Jahr 2077. Doch dieser Frieden zerbricht innerhalb weniger Minuten, als der Atomkrieg die Erde in ein Ödland verwandelt und die Familie in den unterirdischen Schutzbunker Vault 111 fliehen muss. Was folgt, ist einer der prägendsten Momente der Serie: ein erzwungener Kryoschlaf, ein mysteriöser Überfall im Vault und die Entführung des eigenen Kindes. Als der Spieler Jahrzehnte später aus der Kältestarre erwacht, ist die Welt draußen kaum wiederzuerkennen – und der Sohn spurlos verschwunden.
Im verwüsteten Commonwealth beginnt eine Reise, die weniger einer klassischen Heldenreise gleicht, sondern vielmehr einer moralischen Gratwanderung. Die Suche nach dem Kind wird zum roten Faden, doch der Weg dorthin führt durch ein Geflecht aus Fraktionen, Ideologien und Machtkämpfen. Die Minutemen wollen Ordnung und Sicherheit, die Brotherhood of Steel strebt nach technologischem Monopol, die Railroad kämpft für die Freiheit künstlicher Menschen, und das geheimnisvolle Institut zieht im Untergrund seine Fäden. Jede Entscheidung, jede Allianz und jeder Verrat verändert den Verlauf der Geschichte – und zwingt den Spieler, sich immer wieder zu fragen, was Menschlichkeit in einer Welt bedeutet, die kaum noch menschlich ist.
Diese Mischung aus persönlichem Drama, politischer Spannung und postapokalyptischer Mystik verleiht Fallout 4 seine erzählerische Wucht. Die Switch2Version bringt all das unverändert mit, inklusive der DLC-Erweiterungen, die das Commonwealth um neue Regionen, Geschichten und moralische Dilemmata erweitern.

Technik in der Postapocalypse
Technisch präsentiert sich Fallout 4 auf der Nintendo Switch 2 als ein Spiel, das trotz seines Alters erstaunlich gut mit der neuen Hybridkonsole harmoniert – allerdings nicht ohne Kompromisse. Optisch wirkt das Ödland durchaus ansehnlich: Die Weitsicht ist solide, die Beleuchtung stimmungsvoll, und viele der markanten Schauplätze behalten ihren rauen Charme. Natürlich muss die riesige Spielwelt an einigen Stellen Federn lassen. Texturen sind nicht immer gestochen scharf, und manche Details wurden sichtbar reduziert, doch der Atmosphäre schadet das kaum. Das Commonwealth bleibt ein Ort, der mit seiner Mischung aus Ruinenromantik und Retrofuturismus sofort in den Bann zieht.
Besonders interessant sind die verschiedenen Grafikmodi, die Bethesda der Switch2-Version spendiert hat. Spieler können zwischen einem Modus mit 30FPS und schärferen Texturen oder einem 60FPS-Modus mit weicheren, leicht verschwommenen Texturen wählen. Auf dem Fernseher fällt der Qualitätsverlust im 60FPS-Modus deutlicher auf, weshalb sich der 30FPS-Modus als die angenehmere Wahl erweist. Im Handheldbetrieb hingegen profitieren die 60 Bilder pro Sekunde stärker, da der kleinere Bildschirm die weicheren Texturen kaschiert und das flüssigere Spielgefühl klar überwiegt. In beiden Nutzungsarten kommt es bei 60 FPS jedoch gelegentlich zu Framedrops - nichts Dramatisches, aber spürbar.
Eine Besonderheit der Switch2-Version ist der zusätzliche 40FPS-Modus, der nur im Handheld verfügbar ist. Dieser erweist sich als überraschend guter Mittelweg: flüssiger als 30 FPS, stabiler als 60 FPS und optisch ausgewogener. Umso bedauerlicher ist es, dass man das Spiel komplett verlassen muss, um zwischen den Modi zu wechseln – ein unnötig umständlicher Schritt, der den Komfort schmälert.
Weniger nachvollziehbar ist das Fehlen von Gyroskop-Zielen und Maussteuerung, die in der Skyrim-Portierung bereits vorhanden waren. Da beide Spiele auf derselben Engine basieren, wirkt diese Auslassung merkwürdig und lässt hoffen, dass Bethesda hier noch per Patch nachbessert. Dafür kann die Tastenbelegung des Kontrollers frei gewählt werden.

Auch die bekannten Schwächen der Engine bleiben erhalten: kleinere Bugs, gelegentlich ungenaue Kollisionsabfragen und Animationen – besonders der Gesichter –, die heute nicht mehr zeitgemäß wirken. Diese Macken sind zwar schade, aber angesichts der Historie des Spiels kaum überraschend und gehören fast schon zum Fallout-Erlebnis. Auf den eigentlichen Spielspaß wirken sie sich nur geringfügig aus, dennoch wäre etwas zusätzliche Pflege in zukünftigen Updates wünschenswert.
Überleben nach dm Fallout
Das Gameplay von Fallout 4 entfaltet auf der Nintendo Switch 2 all jene Mechaniken, die das Spiel seit seiner ursprünglichen Veröffentlichung geprägt haben – ein Mix aus Shooter-Action, Rollenspielsystemen und dem für die Serie typischen Freiheitsgefühl. Im Kern bleibt das Commonwealth ein Ort, an dem man sich seinen Weg selbst bahnt: mal vorsichtig schleichend durch verstrahlte Ruinen, mal wild ballernd gegen Raiderbanden, mal taktisch überlegt mit dem ikonischen V.A.T.S.-System, das die Zeit verlangsamt und gezielte Treffer ermöglicht. Gerade dieses Zusammenspiel aus Echtzeitkampf und taktischer Präzision sorgt dafür, dass sich Begegnungen abwechslungsreich anfühlen, selbst wenn die Gegner nicht immer die hellsten Köpfe im Ödland sind.
Abseits der Kämpfe lebt das Gameplay von seiner Offenheit. Die Welt lädt zum Erkunden ein, und kaum ein Hügel, kaum ein verfallenes Gebäude bleibt ohne kleine Geschichten, versteckte Beute oder überraschende Begegnungen. Das Craftingsystem spielt dabei eine zentrale Rolle: Waffen lassen sich umfangreich modifizieren, Rüstungen verstärken und ganze Siedlungen aus Schrottteilen errichten. Gerade Letzteres ist ein zweischneidiges Schwert – für manche ein kreatives Paradies, für andere ein optionales Nebenprojekt, welches man eher ignoriert. Doch unabhängig vom persönlichen Geschmack fügt es dem Spiel eine zusätzliche Ebene hinzu, die das Gefühl verstärkt, wirklich Einfluss auf die Welt zu nehmen.

Auch die Progression folgt dem bekannten FalloutPrinzip: Mit jedem Levelaufstieg schaltet man neue Perks frei, die den eigenen Spielstil formen – sei es als schwer gepanzerter Frontkämpfer, als charismatischer Diplomat oder als schleichender Scharfschütze. Diese Vielfalt sorgt dafür, dass sich jeder Durchlauf anders anfühlt und man immer wieder neue Kombinationen ausprobieren möchte. Die Switch2-Version übernimmt all diese Mechaniken unverändert, was bedeutet, dass sowohl die Stärken als auch die kleinen Schwächen des Systems erhalten bleiben. Die Gegner-KI ist nicht immer brillant, und manche Mechaniken wirken im Jahr 2026 etwas kantig, doch das Gesamtpaket bleibt erstaunlich zeitlos.
Fazit
Fallout 4 funktioniert auf der Nintendo Switch 2 sowohl unterwegs als auch zuhause erstaunlich gut. Das ikonische Abenteuer in der postapokalyptischen Ödnis hat nichts von seinem Charme eingebüßt, und die Umsetzung bietet ein vollwertiges Fallout-Erlebnis, das sich trotz technischer Kompromisse stimmig anfühlt. Zwar merkt man dem Spiel sein Alter an, doch diese Schwächen treten hinter der Atmosphäre, der offenen Welt und dem typischen Fallout-Flair schnell zurück. Wirklich unverständlich bleibt nur das Fehlen von Maus und Gyroskopsteuerung. Hier wäre ein Patch wünschenswert. Abgesehen davon liefert die Anniversary Edition ein rundes Gesamtpaket, das zeigt, wie gut sich das Ödland auch 2026 noch anfühlt.
- Tolle Atmosphäre
- Große Freiheiten
- Hoher Wiederspielwert
- Veraltete Technik
- Kleinere Bugs
Vielen Dank an die Firma Bethesda für die Bereitstellung dens.des Testmusters.




