
Return to Monkey Island
Im Filmbereich wütet gerade eine Legacy-Welle, in der alte Franchises neu aufgewärmt werden, aber unbedingt mit den in die Jahre gekommenen Originalschauspielern. Meistens werden dabei einige Einträge der Reihe geflissentlich ignoriert und man hofft an alte Ruhmeszeiten anzuschließen. Im Videospieltbereich gibt es solche Reboots schon länger, aber mit einem neuen Monkey Island Teil vom Mastermind Ron Gilbert hat sicherlich niemand mehr gerechnet. Der Freude war groß, die Internet-Empörung über einen neuen, gewagten Grafikstil noch größer und nun ist es da und erobert die Herzen im Sturm. Es folgt eine Lobeshymne auf das beste Point’n’Click Adventure der letzten Jahre: Return to Monkey Island!

Return to Monkey Island
NSW
- Genre
- Adventure
- Entwickler
- Devolver Digital
- Publisher
- Devolver Digital
- Konsole
- NSW
- Spieler
- 1 lokal
- Freigabe
USK ab 6
EDIT
Die fehlende deutsche Synchronisation wurde nachgepatcht und die Bewertung entsprechend verändert. Auch im Text sind entsprechende Änderungen kenntlich gemacht.
Ein genialer Kniff
Ron Gilbert kehrt zurück zu seinem Lebenswerk Monkey Island und spielt gekonnt mit den Erwartungen der eingefleischten Fans. Er findet aber jederzeit die perfekte Balance zwischen sehr, sehr deepem Fanservice und Innovation. Startet man das Spiel, begrüßt einen die altbekannte Titelmelodie und die in die Netzhaut der Point’n’Click Fans eingebrannte Silhouette von Mêlée Island. Wer es von früher kennt, fühlt sich wie ein Kind und erwartet nun eben jene Insel zu betreten, aber was ist das!? Unser Hauptcharakter ist ein Kind, das mit seinem Kumpel Chucky die Gegend unsicher macht. Prequel, Sequel, was ist hier los? Aber schnell wird klar, dass es sich dabei nur um eine Art Tutorial handelt und dass wir hier Guybrush Threepwoods Sohn Boybrush (genial!) spielen. Dieser trifft kurze Zeit später auf seinen Möchtegern-Piraten-Vater, der beginnt seine Geschichte zu erzählen und wie er dann doch das Geheimnis von Monkey Island fand. Durch diesen erzählerischen Kniff ist es möglich den gigantischen Cliffhanger des zweiten Teils aufzugreifen und die anderen Teile dabei trotzdem Kanon sein zu lassen. Alte und neue Figuren geben sich das Steuerrad in die Hand und belustigen den Spieler unentwegt. Die Witze sind derart klug und um die Ecke, dass man immer wieder laut lachen muss, eher ungewöhnlich bei Videospielen. Die Witze sind dabei perfekt in die Geschichte eingewoben und auch bekannte Sterbesequenzen werden hervorragend aufgegriffen. An dieser Stelle möchte darüber der Mantel des Schweigens gelegt werden, denn es ist einfach eine wahre Freude dem schlichtweg genialen Storytelling zu folgen. Hinter euch, ein dreiköpfiger Affe!
Für jeden was dabei!
Als man früher Monkey Island (auf über 20 Disketten!) spielte, waren es noch andere Zeiten. Man hat viel Geld ausgegeben und war allein deshalb topmotiviert das Spiel auch durchzuspielen, komme was wolle! Ohne eine Komplettlösung und ohne Internet war man auf sein eigenes Knobelgeschick und den Austausch mit den Freunden angewiesen. Der eine hatte vielleicht schon den Weg durch den Wald entschlüsselt, während der andere die Zutaten für den geheimen Trank kannte. Alles in allem war es aber eine Mammutaufgabe allen Rätseln auf die Spur zu kommen, vor allem, weil Gilberts Humor manchmal derart abgedreht war, dass nicht alle Rätsel (im Vorhinein) logisch erschienen.
Heutzutage haben sich die Spielgewohnheiten verändert. Nicht jeder hat die Geduld oder Zeit sich derart intensiv mit einem Adventure auseinanderzusetzen. In Sachen Storytelling ist man längst flüssige Erzählstränge wie in Uncharted oder The Last of Us gewöhnt. Deshalb hat Return to Monkey Island einige Features, die es ganz natürlich an die jeweiligen Gamergepflogenheiten anpassen, beginnend mit dem Schwierigkeitsgrad.
Einfacher Modus: "Die ganze Geschichte und der ganze Spaß, aber mit gelegentlichen Rätseln für den viel beschäftigten Spieler."
Schwerer Modus: "Mehr Rätsel. Schwerere Rätsel. Einfach affenstark. Für den Profi-Abenteuerspieler, der alles will."
Die Beschreibung ist dabei nett gewählt, denn wer sich für den einfachen Modus entscheidet, hat nicht gleich das Gefühl wie ein Pirat zweiter Klasse behandelt zu werden. Allerdings muss man sagen, dass der einfache Modus auch arg einfach ist. Lange Trial & Error Passagen wird es nicht geben, des Rätsels Lösung liegt meistens schon im Inventar bereit, wenn man sich stets ausreichend in den Arealen umschaut. Die Aufgaben sind geradliniger und die üblichen Monkey Island typischen Umwege zum Ziel fallen weg. Im schweren Modus hingegen ist schon einiges mehr an Hirnschmalz und auch gesunder Frustration von Nöten, um das Geheimnis rund um Monkey Island zu lüften. Dabei bleibt aber auch dieser Modus um einiges zugänglicher, als die bockschweren Brocken der Vergangenheit, denn es besteht immer eine gewisse Logik hinter den Rätseln und wer mit Gilberts absurdem Humor vertraut ist, weiß eh in welche Richtung er zu denken hat.
Wer dennoch an seine Grenzen kommt, darf das Tipp-Buch zu Rate ziehen, in dem zu jeder Aufgabe Hinweise gegeben werden. Erst zögerliche Denkanstöße, bis schließlich hin zur tatsächlichen Lösung. Das macht den spoilergefährdeten Griff zur Komplettlösung unnötig und trägt tatsächlich zur immersiven Spielerfahrung bei, denn man bleibt die ganze Zeit im Spiel, statt sich von anderen Medien ablenken zu lassen.
Wer sich in den Spieloptionen umschaut, wird bemerken, dass es die Möglichkeit gibt Extended-Dialoge zu aktivieren. Diese Einstellung ist standardmäßig deaktiviert, um Neulingen den Einstieg zu erleichtern, denn Gilberts Dialoge können derart abdriften, dass es zwar einerseits eine Freude ist, andererseits aber vom Kerngeschehen ablenken kann. Welche Option wahre Monkey Island Fanpiraten wählen ist aber wahrscheinlich klar, oder?
Mutig und gewaltig!
Was hat sich das Internet die Mäuler über den neuen Grafikstil zerrissen. Die einen wollten Pixel-Optik, die anderen den Comiclook von The Curse of Monkey Island und scheinbar jeder wusste besser, was der Seele der Originale entspräche. Ron Gilbert gab nichts darauf und reagierte trotzig mit dem Abschalten der Kommentarfunktion. Das Endergebnis gibt ihm derart Recht, dass gar nicht mehr die Frage im Raum steht, ob man die neuen Zeichnungen jetzt im Einzelnen gut findet oder nicht, sondern warum nicht mehr Entwickler manchmal den Sprung ins kalte Wasser wagen.
Gilbert hat es nämlich geschafft ein Unikat zu erschaffen. Er huldigt den Originalen, probiert aber gar nicht erst sie zu kopieren und kreiert einen Look, der unverwechselbar ist – er ist malerisch, verspielt und auch ein stückweit dadaesk und absurd. Damit passt der Look zu Monkey Island wie die Faust aufs Auge. Kann man mögen, muss man nicht. Die Entscheidung aber muss man respektieren und viele Entwickler könnten sich von diesem Mut etwas abschneiden.
Auch im Gamedesign geht Gilbert neue Wege. Es gibt kein Interface mehr bestehend aus Verben und Aktionen, sondern einzelne anklickbare Punkte im Bild, die einem mögliche Handlungen vorschlagen. Das ist der Spielbarkeit extrem zuträglich, nachdem man sich erst mal daran gewöhnt hat. Die neue Steuerung geht eh sehr gut von der Hand und erzeugt ein sehr angenehmes und flüssiges Spielgefühl. Man muss eben nicht mehr wie früher den ganzen Bildschirm mit der Maus absuchen, sondern hat ganz klare Hinweise darauf, welche Gegenstände oder Orte anwählbar sind. Im Handheldmodus geht das Meiste auch per Touchdisplay-Steuerung, was es zu einer Wonne macht, das Game im Bett oder auch in der Bahn zu spielen. Die leichten grafischen Einbußen fallen dabei kaum ins Gewicht und deshalb ist die Switch-Version (wahrscheinlich auch bei späteren Portierungen) die definitiv beste Variante.
Beim Sound ist man den sicheren Weg gegangen und wird verwöhnt mit bekannten und neuen Karibiksounds, die eine herrlich wohlige Atmosphäre schaffen. Hier und da könnten die Stücke ein wenig mehr Wumms vertragen, aber man will ja nicht kleinlich werden. EDIT bzgl. Neuer Synchro: Es ist seit Jahren einfach absoluter Standard, dass Point’n’Click Adventures eine meist sehr gelungene deutsche Synchro haben. Man stelle sich nur einmal Baphomets Fluch, Discworld II oder The Curse of Monkey Island ohne die grandiose Lokalisation vor. Der Kummer bei Fans war Anfangs groß, als man feststellen musste, dass man nur den englischen, wie immer grandiosen, Stimmen lauschen und deutsche Texte lesen durfte. Damit ist nun Schluss, denn eine deutsche Synchro wurde nachgeliefert und sie punktet mit alten und neuen Stimmen und rundet das perfekte Gesamterlebnis nun vollends ab. Vorher gab es schon eine 9.5 und jetzt avanciert das Game zur vollen Punktzahl.
Fazit
Return to Monkey Island ist eines der besten Point’n’Click Adventures aller Zeiten. Die Stärken vergangener Teile werden mit absolut sinnvollen Innovationen versehen und erzeugen immer wieder Erstaunen, Lachen und ein hervorragendes Spielgefühl. Das Grafikdesign ist gleichzeitig mutig und genial – es ist unverwechselbar und reiht sich im selben Moment wunderbar zwischen den anderen Franchiseeinträgen ein. Das Storytelling ist klug und spannend und dank verschiedener Schwierigkeitsgrade für Point’n’Click-Neueinsteiger sowie Veteranen zugänglich. Dank der nachgelieferten deutschen Synchronisation steht der Bestnote nichts mehr im Weg und es gibt eine uneingeschränkte Kaufempfehlung!
- Kongenialer Humor
- Mutiges, wunderschönes Grafikdesign
- Perfektes Storytelling
- Fehlende deutsche Synchro
Vielen Dank an die Firma Devolver Digital für die Bereitstellung des Testmusters.


