
Life is Strange: True Colors
Das lange totgesagte Genre der Point and Click Adventures hält sich in Wirklichkeit seit Jahrzehnten wacker über Wasser und überrascht immer mal wieder mit echten kleinen Perlen, die Genreveteranen mit Genuss verschlingen. Dabei kann es recht klassisch zugehen, wie in Deponia, gruselig und blutrünstig, wie in The Walking Dead oder emotions- und tränenreich, wie in der Life is Strange Serie. Mit dem insgesamt fünften Eintrag der Reihe (inklusive Spin-Offs), Life is Strange: True Colors, ist die Serie das erste mal auf der Nintendo Switch erschienen. Ob der Release auf unserer Lieblingskonsole eine gute Idee ist oder ob sich Square Enix dabei doch ein wenig übernommen hat, klärt der nun folgende Test.

Life is Strange: True Colors
NSW
- Genre
- Adventure
- Entwickler
- Square Enix
- Publisher
- Square Enix
- Konsole
- NSW
- Spieler
- 1 lokal
- Freigabe
USK ab 12
Ungewöhnlich, schön!
Wer eine Schwäche hat für amerikanische Indie Coming-of-Age Filme, mit stimmigem Singer-Songwriter Soundtrack, in denen Jungen, wie Mädchen Holzfällerhemden tragen, in Kleinstädten wohnen, die in Wirklichkeit langweilig, im Film aber das Ziel jeglicher Sehnsucht sind, der muss die Life is Strange Reihe entweder schon lange kennen oder den Frevel schnellstens wieder gut machen. Denn hierbei handelt es sich um den videospielgewordenen Traum eines jeden solchen Filmfans. Die meist etwas nerdigen Protagonistinnen sind sympathisch, je nach Spielweise schüchtern oder draufgängerisch, vor allem authentisch und haben immer eine besondere Gabe, die ihre nur allzu menschlichen Abenteuer zu etwas übernatürlichem machen. Dabei behalten die Spiele aber immer die Bodenhaftung und rühren nicht nur ein mal zu Tränen. Wer Life is Strange ohne Pippi in den Augen spielen kann, der sollte sich dringendst in Therapie begeben um den Schlüssel zu seinen Gefühlen zu finden.
Life is Strange: True Colors macht hier keine Ausnahmen. Schon in den ersten Minuten wird uns eine Frau präsentiert, wie sie ein Videospiel wohl noch nie hervorgebracht hat. In wenigen Worten erfährt der Spieler, dass Alex in einer betreuten Einrichtung lebt. Zwar gab es in Videogames schon Heimkinder, aber Alex ist eben keins, dass durch verwunschene Türen oder Schränke in wundersame Welten gelangt, sondern schlicht und einfach in frühen Jahren von der Familie getrennt wurde und den steinigen Weg der Jugendhilfe gehen lernen musste. Ihr Bruder Gabe konnte sie ausfindig machen und lädt sie nun zu sich nach Colorado, in das verschlafene Nest Haven Springs ein. Die Aussicht auf Berge, die malerischen grünen Felder und die traumhafte Kleinstadt mit all ihren liebevollen und einigen seltsamen Charakteren, scheinen die perfekte Umgebung zu bilden für eine junge Frau, die sich ein wenig Glück verdient hat, nach all ihren beschwerlichen Jahren. Doch schnell wird klar, dass Alex trotz des Tapetenwechsels in altbekannte Schwierigkeiten geraten wird, denn sie hat eine heimliche Gabe (oder einen Fluch, wie sie es nennt). Ihre Gabe heißt Empathie. Sie spürt und sieht menschliche Emotionen und diese werden, wenn sie intensiv genug sind, zu ihren eigenen. Explodiert jemand also gerade vor Wut, kann das selbe mit Alex geschehen, was zu der ein oder anderen Schieflage führt. Ebenso kann Alex aber den Menschen helfen, wenn diese in Not sind, denn sie versteht sie, wie kein anderer. Ein schwerer Schicksalsschlag soll aber bald ihre eigenen Emotionen auf die Probe stellen…
Videospiel oder Spielefilm?
Es fühlt sich seltsam an Life is Strange: True Colors als Videospiel zu bezeichnen, denn mit einem Super Mario gibt es ungefähr so viele Gemeinsamkeiten, wie zwischen einer Pizza und einem Stein. Spielerisches Können wird nicht verlangt, denn man bewegt sich durch die Kulissen, überprüft hier und da Gegenstände, spricht mit Leuten, trifft folgenschwere Entscheidungen und wiederholt das Ganze im nächsten Szenario. Wird einem deshalb langweilig? Nein! Die Dialoge und Charaktere sind dermaßen authentisch und gut geschrieben, dass man gar nicht genug von ihnen bekommen kann. Es fühlt sich fast ein wenig lästig an, zwischendurch selber steuern zu müssen, weil das den Storyfluss eine wenig stören kann. Das ganze wird aber von einem so wunderbar bittersüßen Soundtrack begleitet, dass selbst rumstehen und sich umgucken zu einem eigenen Erlebnis wird. Wenn man beispielsweise im Plattenladen eine Vinyl auflegt, sich hinsetzt und angenehme, beruhigend wechselnde Kameraeinstellungen genießt, dann fragt man sich schon, ob man überhaupt weiter machen möchte oder nicht doch lieber den Moment genießt, um ihn nicht vorzeitig verpuffen zu lassen. Die träumerische Atmosphäre wird immer dann mit Nervenkitzel garniert, wenn es Entscheidungen zu treffen gilt. Soll Alex ihrem Bruder Gabe verraten, dass der Stiefsohn einen gefährlichen Ausflug vorhat oder wollen wir durch unser Schweigen die Beziehung zu dem Jungen stärken? Ist sie Loyal zu ihren Freunden oder entscheidet sie sich für die unbequeme Wahrheit? Das Spiel merkt sich die Entscheidungen und so tun es auch Alex’ Mitmenschen, was sich selbstverständlich auf das Spielerlebnis auswirkt. Alex’ Empathiefähigkeit ermöglicht spannende Einblicke in die innersten Gefühle der Stadtbewohner und lässt auch beim Spieler das Maximum an Emotionen entstehen. Wurde beispielsweise das Thema Altersdemenz in Spielen jemals so prägnant besprochen wie hier? Wahrscheinlich nicht. Die Blumenverkäuferin kriegt vieles nicht mehr auf die Reihe und traut sich ihrer Tochter nicht davon zu erzählen. Sie hat auch das tragische Unglück, welches sich gerade ereignet hat bereits vergessen. Soll Alex ihr alles nochmal erzählen oder das Glück des Vergessens walten lassen? Wen solch eine Entscheidung kalt lässt, der kann sich getrost wieder der gewohnten Shooterkost hingeben. Auch die Liebesgeschichte zwischen Alex und der Radiomoderatorin des örtlichen Senders ist mit so viel Fingerspitzengefühl erzählt, dass man selbst die Schmetterlinge im Bauch flattern spürt. Homophoben Zeitgenossen sei Life is Strange: True Colors also besonders ans Herz gelegt, denn wenn das nicht zum Umdenken animiert, dann wahrscheinlich gar nichts mehr.
Und dann sowas…
Während sich die bisherigen Zeilen wie die Beschreibung eines ausgemachten Tophits lesen, werden die folgenden den Gesamteindruck ein wenig schmälern. Die Nintendo Switch tut was sie kann, doch scheitert an ihren Ressourcen. Wenn man die Serie sonst eher von der Playstation oder Xbox kennt, ist man gestochen scharfe Bilder gewöhnt und über die Optik macht man sich deshalb keine weiteren Gedanken mehr. Anders auf der Nintendo Switch. Man wird nämlich das Gefühl nicht los seine Brille verlegt zu haben. Dauernd verschwinden einzelne Texturen in der Unschärfe, nur um dann in der nächsten Sekunde auszuglätten. Dabei ist auch gar kein Muster zu erkennen. Manchmal sind die (für das Lesen der Mimik so wichtigen) Gesichter im Vordergrund unscharf, während die Backsteinmauer im Hintergrund die volle Auflösung abbekommt. Manchmal betrifft es auch nur bestimmte Bereiche der Gesichter, was wiederum etwas gruselig anmuten kann. Befindet man sich gerade in einer ansonsten hochemotionalen Situation, können solche Grafikglitches schon sehr störend sein. Man merkt einfach, dass die Hardware permanent ackert, um Vollgas zu geben, aber genau das ist das Problem - dass man sich darüber Gedanken macht, obwohl man sich doch einfach nur fallen lassen möchte in dieser wunderschönen Welt.
Und da kommt der Handheldmodus ins Spiel. Unglaublich aber wahr - das Spiel sieht in der portablen Version besser aus, als am großen HD-Fernseher, obwohl die Auflösung natürlich nicht höher, sondern niedriger ist - das aber eben konstant. Dadurch, dass die Texturen nun nicht dauernd ihre Konsistenz ändern, ergibt sich ein viel stimmigeres Bild, auch wenn im Hintergrund schon mal Lichteffekte flackern, hin und her fliegen oder einzelne Pixel ihren Posten verlassen. Im Handheldmodus ist das Spielerlebnis am besten. Da fragt man sich, warum die Entwickler nicht der Wahrheit ins Auge gesehen haben und die gesamte Präsentation zu Gunsten einer durchgängigen Performance angepasst haben. Bei all der Kritik muss aber erwähnt werden, dass der emotionale und spielerische Punch den das Spiel entwickelt nicht geschmälert wird und auch der Spielspaß bleibt erhalten. Wer aber nur am Fernseher zocken möchte, sollte auf die stärkere Hardware setzen.
Insgesamt bleibt zu sagen, dass die gesamte Life is Strange Reihe nicht für ihre technische Performance, sondern für die narrativ akustische bekannt ist. Und auf dieser Seite gibt es zehn von zehn Punkten. Echte Gefühle, eine wunderschöne Geschichte, exzellente Synchronisation (die beste überhaupt?) und packende Entscheidungen machen dieses Spiel zu einem echten Erlebnis. Dieses Spiel rührt zu Tränen und das ist etwas, was nur ganz wenige Games bisher geschafft haben. Vor allem passiert dies nicht über Effekthascherei, sondern über ein wirklich gut geschriebenes Skript und dafür gebührt Square Enix echte Hochachtung. Bestimmt kein Spiel für jeden, aber für alle anderen umso mehr.
Fazit
Eine unglaublich packende Erzählung über eine junge Frau, die über die Gabe maximaler Empathie verfügt. Tolle Charaktere und noch bessere Dialoge. Während spielerisch kaum Anspruch erfordert wird, entsteht auf emotionaler Seite ein so wuchtiges Erlebnis, dass die Grenzen zwischen Spiel, Film und Wirklichkeit aufweichen. Leider bietet die Switch auf technischer Seite einige Fauxpas, wodurch der Handheldmodus zum großen Sieger wird. Wer kein Problem damit hat zu weinen und sich auf diese gefühlvolle Reise einlassen mag, dem sei Life ist Strange: True Colors wärmstens empfohlen.
- nglaublich gut geschriebene Geschichte
- Emotionale Achterbahnfahrt
Wunderschöne Kulissen
- Grafikfehler können ablenken
- Könnte spielerisch anspruchsvoller sein
Vielen Dank an die Firma Square Enix für die Bereitstellung des Testmusters.


