
Diablo II: Resurrected
Bei erfolgreichen und qualitativ hochwertigen Trilogien stellen sich Fans immer wieder der erbitterten Diskussion darüber, welcher der drei Titel nun der beste sei. Und genauso wie bei Star Wars und Indiana Jones kann diese Frage im Falle der Diablo-Trilogie nicht abschließend geklärt werden. Der erste war das Urgestein und erfand das RPG-Hack & Slay Genre neu. Der zweite gilt als derjenige mit dem meisten Tiefgang, während der Dritte der Zugänglichste und Actionreichste sein soll. Letzteren können Nintendo Switch Besitzer schon länger auf ihrer Lieblingskonsole genießen und so freut es den Fan, dass mit Diablo II: Resurrected auch der zweite Teil erscheint. Ob die überarbeitete Fassung heute auch noch überzeugen kann oder ordentlich Staub angesetzt hat, klärt der folgende Test.

Diablo II: Resurrected
NSW
- Genre
- Adventure
- Entwickler
- Blizzard Entertainment
- Publisher
- Blizzard Entertainment
- Konsole
- NSW
- Spieler
- 1–4 lokal
- Freigabe
USK ab 16
Vorwort
Während die meisten Tests von Diablo II: Resurrected von Fans des Originals geschrieben sind, die bereits mehrere hundert Stunden in den Klassiker investiert haben, schreibt diese Worte ein absoluter Diablo Noob, der mit dem vorliegenden Game seinen Einstand in die Diablo Reihe hält. Eine echte Chance also, um zu schauen, wie das Game auf heutige Spieler wirken könnte, die ohne die rosarote Vergangenheitsbrille zocken. Ohne zu viel zu spoilern, kann aber schon an dieser Stelle verraten werden, dass es sich hierbei nicht um das letzte Diablo Game handelt, welches den Weg in die Kollektion des Autors findet.
Die Gefährten
Jeder Rollenspieler kennt diese grausamen ersten zehn Minuten des Spiels, in denen sich entschieden werden muss, mit welcher Klasse man das Spiel bestreiten möchte. Es handelt sich hier immerhin um eine recht folgenreiche Entscheidung, wenn man berücksichtigt wie viele Spielstunden man mit diesem Charakter verbringen wird. Und gerade in Diablo II bringen die sieben verschiedenen Charakterklassen solch gravierende Unterschiede mit sich, dass sich jeder Spieldurchgang nach einem neuen Game anfühlt. Während der Barbar der klassische Draufgänger ist, der ordentlich austeilt, mit Magie aber nichts am Hut hat, ist die Magierin das genaue Gegenteil. Der Totenbeschwörer hat die Fähigkeit Mitstreiter aus dem Totenreich herbeizurufen und der Druide beschwört hilfreiche Tiere. Kurz gesagt: bei Diablo II wird jeder Rollenspiel-Typ angesprochen. Zumal die Skill-Bäume sehr ausgefeilt sind und einen hohen Grad an Individualisierung ermöglichen. Die Punkte wollen wohl überlegt verteilt werden, denn sie entscheiden maßgeblich über das Spielerlebnis, wenn es darum geht, ob man eher defensiv oder aggressiv kämpft, ob man zaubert oder mit Hieben auf die Gegnerhorden eindrescht. Immerhin beeinflusst die Wahl der Klasse nicht auch noch die Story selbst, sodass man sich voll und ganz auf die Skills konzentrieren kann. Einziges Manko bei der Klassenwahl ist die fehlende Wahlmöglichkeit bezüglich des Geschlechts. Es gibt zwar Männer und Frauen, aber diese sind nicht änderbar mit ihrer Klasse verbunden.
Zu der Wahl der Klasse muss sich der Spieler zusätzlich entscheiden, ob er einen Online- oder Offlinecharakter spielen möchte. Im Spiel selbst macht es keinen Unterschied, aber wenn man das Spiel im Multiplayer genießen möchte, muss man sich für den Online-Char entscheiden. Ein Wechsel zwischendurch ist nicht möglich. Das heißt, dass ihr zwar einen Offline-Barbaren auf Level 50 haben könnt, ihr aber im Spiel mit Freunden wieder bei 0 anfangen müsst. Das ist schade und einfach nicht mehr zeitgemäß. Man könnte deshalb auf die Frage kommen, warum es dann überhaupt die Wahl zwischen Offline- und Online-Charakteren gibt, aber da kommen wir zum nächsten Kritikpunkt. Hat man sich nämlich für die Onlinevariante entschieden, muss der Spieler auch immer online sein, wenn er weiterspielen möchte. Die Nintendo Switch ist doch aber gerade wegen ihrer Handheldfunktion eine so geschätzte Reisebegleiterin und so sieht man sich, angesichts eines ebenso unzeitgemäßen Wlans in der Deutschen Bahn, vor der Situation zwei Spielstände gleichzeitig benutzen zu müssen. Das ist aus heutiger Sicht und als Switch Spieler eine mittelschwere Katastrophe.
Loot, Loot und noch mehr Loot!
Unabhängig von der soeben beschriebenen Entscheidung startet das Spiel unverzüglich und ohne große Umschweife. Was direkt zu Beginn auffällt: Alle Videosequenzen wurden komplett neu animiert und machen richtig was her. Hier hat man sich nicht lumpen lassen und bietet auch dem Spieler von heute eine angenehme visuelle Erfahrung. In den ersten fünf Minuten ist die gesamte Storyline größtenteils auserzählt, denn die Geschichte bietet sich angenehm kompakt dar: Besiege den dunklen Widersacher Diablo. Um viel mehr geht es in dem Spiel nicht mehr, aber das muss es auch nicht, denn Hack & Slays sind, wie der Name schon vermuten lässt, auf etwas anderes aus. Und hier spielt Diablo II: Resurrected alle seine Stärken voll aus. Das Prügeln, Zaubern und Beschwören macht richtig Spaß und geht dank der neuen Gamepad Steuerung leicht von der Hand. Neben der Schlagtaste kann man die restlichen Tasten mit anderen Aktionen belegen und sich so ein sehr individuelles Kampfsystem zusammenstellen. Zudem erhält der Spieler für jeden erlegten Gegner Erfahrungspunkte und unfassbar viel Loot. Gegenstände, Tränke, Waffen, Rüstungen und Kleider in rauen Mengen. Es ist gleich doppelt befriedigend, wenn man einen harten Brocken erlegt und er einem im Gegenzug ein Rüstungsteil spendiert, dass stärker als das bisherige ist. Und so ackert man sich von Gegner zu Gegner, von Dungeon zu Dungeon und immer nur noch ganz kurz und dann doch stundenlang. Diablo II ist ein echter Zeitfresser. Zumal man nach dem Laden des Spielstands nicht am zuletzt besuchten Ort startet, sondern immer an der gleichen Stelle am Anfang. Das heißt, dass das Auffinden der Teleportationspunkte immer das erste ist, was man in einer neuen Gegend erledigen sollte. Das kann ordentlich Zeit fressen, vor allem, wenn man das Zeitliche segnet, bevor man den Reisepunkt freischalten konnte. Hier hätte ein userfreundliches Update gut getan. Ebenso beim Inventar. Bei den Tonnen an Loot, ist es aus heutiger Sicht ein Unding, dass das Inventar bereits nach den ersten zehn Schritten überfüllt ist. Vor allem, weil man in freier Wildbahn nicht immer die Zeit zum Sortieren hat – im Pausemenü läuft das Spiel nämlich weiter und man wird nicht selten durch Geräusche darauf hingewiesen, dass ein paar Höllenwesen probieren einen ins Jenseits zu befördern. Für Neueinsteiger wäre auch ein Tutorial nicht das Schlechteste gewesen, denn ansonsten ist nicht alles im Inventar selbsterklärend. Im Großen und Ganzen spielt sich Diablo II aber ganz fantastisch und es entwickelt eine unheimliche Sogwirkung, sodass man sich gut vorstellen kann, um wieviel stärker, sie damals zum ursprünglichen Release gewesen sein musste, als all die erwähnten Mankos noch keine richtigen waren.
Sympathisch angestaubt
Selbst, wenn man die Diablo Spiele niemals selbst gespielt hat, hat sich ihre Optik tief in die Hirne aller Gamer eingebrannt. Die jetzt vorliegende, aufpolierte Version bringt nostalgische Gefühle, weil sie dermaßen angenehm-retro daherkommt. Angefangen bei der isometrischen Draufsicht mit fester Kamera, über die düstere Stimmung und das ikonische Charakter- und Monsterdesign. Alles scheint dem Spieler sagen zu wollen: Ja, das hier ist ein 20 Jahre altes Spiel. Und es ist wunderschön. Neue wie alte Gamer werden damit ihren Spaß haben, denn das Spieldesign ist unverwüstlich. Sicherlich wäre heutzutage die Welt detailreicher, die Missionen nicht ganz so monoton („bringe dies, triff den, töte alle“) und auch die Dialoge etwas interessanter, aber all das tut dem Spiel keinen Abbruch. Ob man die Synchronisation gut findet, hängt davon ab, wie sehr einen das Prädikat „Retro“ interessiert. Damals anno 1990 war eine Deutsche Sprachausgabe an sich schon etwas sensationelles, aber heutzutage hat man einfach schon viel besseres und vor allem prominenter Besetztes gehört. Aber andererseits gehören die alten Aufnahmen eben auch zum Kultfaktor.
Das Spiel ist grafisch kein Monsterhit, kann aber als durchweg solide beschrieben werden. Das kommt der Nintendo Switch selbstverständlich entgegen und so ist es erstaunlich, dass Diablo II: Resurrected sich optisch nicht zu verstecken braucht, wenn man den Vergleich mit den stärkeren Konsolen wagt. Auch im Handheldmodus macht das Spiel eine gute Figur, wobei es hier schon eher dem Original auf dem PC ähnelt, als dem Remake am Fernseher. Aber alles in allem kann man von einer starken Performance sprechen. Interessanter Weise gibt es hier und da einige Glitches, die aber auch schon im Original gewesen sein sollen. Die hätte man eigentlich beheben können.
Multiplayer
Jeder Diablofan, aber auch diejenigen, die es werden wollen, wissen, dass das Herzstück des Spiels der Multiplayer ist. Es ist beinahe ein ganz anderes Spiel mit seinen Freunden die Horden von Diablo niederzumetzeln, denn die verschiedenen Klassen ergänzen sich ganz hervorragend. Gemeinsames Aufleveln, Erkunden und Loot sammeln kann die Spielstundenzahl noch einmal gehörig in die Höhe treiben. Es lohnt sich aber parallel einen Telefoncall zu organisieren, da die Kommunikation über die vorgefertigten Textpatterns eher hölzern ist und die Kommunikation ist (leider) extrem wichtig. Besiegt man nämlich einen Gegner erhält man exakt nur ein mal den Loot und man darf sich streiten, wer ihn bekommt – oder man krallt ihn sich einfach. Besonders interessant wird es bei storyrelevanten Gegenständen. Schnappt die sich nämlich ein Freund kann man später alleine die Mission nicht mehr beenden. Das ist in aktuellen Hack & Slays ganz anders und sollte dringen nachgepatcht werden. Freunde von Diablo III feiern ihr Lieblingsdiablo oft wegen des Couch-Coops. Es ist also völlig rätselhaft, warum man bei Diablo II: Resurrected darauf verzichtet hat. Die Nähe zum Original wäre ein schwaches Argument, weil der Spielspaß mit diesem Feature hätte enorm erhöht werden können. Es bleibt also eine großartige Mehrspielererfahrung mit unnötigen Einbußen.
Der Geschwister-Vergleich
Natürlich haben wir es uns nicht nehmen lassen und direkt ein Cross-Gen-Testing betrieben. Entsprechend konnten neben unserer Fokus-Version Nintendo Switch auch die Playstation 4 und 5 Versionen getestet werden. Was hier neben allen bisherigen, durchweg gültigen Aussagen festzustellen war, ist der höhere Detailreichtum an Texturen sowie eine allgemein erhöhte Framerate. Schatten und andere grafische Spielereien, die erwartungsgemäß auf leistungsstarken Heimkonsolen, insbesondere den Next-Gens auffindbar sein sollten, sind auch hier anzutreffen. Leider sind die Laufanimationen aber auch auf den großen Konsolen eher die eines Zombies als eines wilden Kriegers, aber das ist dann wohl einer der Funken Originaltreue, den wegzulassen auch nicht weh getan hätte. Was jedoch erfreulich ins Gewicht fällt, ist die Nutzbarkeit der Party- und Chatsysteme von Sonys Playstation, die wesentlich moderner und ausgereift sind. So könnt ihr euch ohne extra Kommunikationslösung, wie bei der Switch, auf Playstation direkt austauschen oder eine Party mit Freunden öffnen. Wer mehrere Spielversionen von Diablo 2: Resurrected besitzt, was angesichts der Nicht-Portabilität von Online-Charakteren wenig Sinn macht, der kann seine Online-Charakterfortschritte von allen Konsolen aus fortführen, solang ein Battle.net Account verknüpft wurde. Wer also die Hälfte der Woche mit seiner Playstation-Community die Dämonen zurück in die Hölle schicken will, um die andere Hälfte seine Switch-Freunde zu begleiten, der kann ein und denselben Online-Char mit exaktem Fortschritt auf beiden Plattformen spielen. Möchtet ihr euch aber für die grafisch stärkste Version mit deutlich besseren Kommunikationsmöglichkeiten entscheiden, so raten wir eher zu Heimkonsole oder PC, statt zur Switch. Sind euch kleinere Effekte aber nicht wichtig und spielt ihr ohnehin eher allein, dann könnt ihr die düstersten Glücksmomente mit euren Offline-Charakteren auf der Switch erleben, egal wann und wo ihr wollt!
Nachwort
Nach meinen vielen, ersten Stunden im Diablo Universum kann ich mich wirklich nur wundern, warum es so lange gedauert hat mich darauf einzulassen. Diablo II spielt sich ganz fantastisch, auch wenn der Test bisweilen etwas kritisch klingt. Das liegt vor allem an den nicht zeitgemäßen Features, die vor allem deshalb auffallen, weil so vieles, im Vergleich zum Original verbessert wurde. Würde es sich hier um einen simplen Port halten, wären die Ansprüche andere. Für den echten Fan ist das eh völlig egal, da die rosarote Brille bekannter weise einiges ausgleichen kann. Neueinsteiger sollten sich aber dennoch nicht abhalten lassen, denn das Spiel ist nicht zu unrecht ein Klassiker.
Fazit
Ein sehr gelungenes Remake eines völlig verdienten Klassikers. Bei Diablo II: Ressurected handelt es sich um die definitiv beste Version des Games, die Neueinsteigern wärmstens ans Herz gelegt werden kann. Vor allem im Multiplayer kann einem das sonst 25 Stunden lange Rollenspiel ordentlich ans Zeitmanagement gehen. Ein zeitgemäßeres Speichersystem, vielseitigere Missionen, ein Couch-Coop und keine künstliche Trennung zwischen Off- und Onlinecharakteren hätten hier die volle Punktzahl möglich gemacht. Es bleibt bei einer klaren Kaufempfehlung für alle Hack & Slay Fans mit leichter Retroliebelei.
- Zwischensequenzen neu animiert
- Süchtig machendes Spielprinzip
- Die beste Version des Klassikers
- Antiquiertes Speichersystem
- Kein Couch-Coop
- Künstliche Trennung zwischen Off- und Onlinespiel
Vielen Dank an die Firma Blizzard Entertainment für die Bereitstellung des Testmusters.


