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Cris Tales

Cris Tales

Mateusz

Als alt eingesessener Gamer meint man alles gesehen, beziehungsweise alles schon gespielt zu haben. Und dann kommt ein jRPG aus Kolumbien, dass dem angestaubten rundenbasierten Kampfsystem alter Klassiker neues Leben einhauchen will. Und das mit unbestreitbarem Erfolg. Ob Cris Tales aber die langersehnte Firschzellenkur fürs Genre ist oder am Ende doch im Mittelmaß versinkt, klärt der folgende Test.

Cris Tales

NSW

Entwickler
Modus Games
Publisher
Modus Games
Konsole
NSW
Spieler
1 lokal
Freigabe
USK ab 12

Zeitreise mit Tempo

Es gibt epische Rollenspiele, die sich vor allem mit dem Intro ordentlich Zeit lassen. Charaktere, Kampfsystem und die gesamte, meist magische Welt möchte in Ruhe kennengelernt und erkundet werden. Spieler ohne die nötige Geduld scheitern dabei gerne mal an der 5 Stunden Spielzeitgrenze. Aber genau für diese Klientel scheint Cris Tales entwickelt worden zu sein. Die junge elternlose Crisbel ist kaum ein paar Minuten zu sehen, schon erhält sie mysteriöse zeitmagische Kräfte, lernt einen sprechenden Frosch kennen und begibt sich schnurstracks auf ein heldenhaftes Abenteuer, um nicht weniger zu tun, als die gesamte Welt vor der bösen Kaiserin der Zeit zu retten. Das Tempo wird zu Anfang hoch gehalten und wer nicht aufpasst, verliert genau deshalb vielleicht hier und da mal den Faden. Aber nur kurz, denn das Spiel weiß einen immer wieder abzuholen. Neue Fähigkeiten, Gefährten und Kampftutorials halten die Lernkurve angenehm hoch und man findet sich schmunzelnd auf der Couch wieder, denn die Spielereien mit der Zeit bringen tatsächlich frischen Wind in dieses kolumbianische jRPG. Die Zeit nämlich ist der Dreh- und Angelpunkt des gesamten Gameplays. Während man sich durch Städte bewegt, scheint auf Crisbell eine Art Kegel, vergleichbar mit einem Scheinwerferspot auf der Bühne. Links von dem Kegel sehen wir zwar den gleichen Bildabschnitt, aber in der Vergangenheit. Und rechts vom Kegel sehen wir die Zukunft, während in der Mitte passenderweise die Gegenwart zu sehen ist. Was sich eventuell seltsam liest ist in der tatsächlichen Umsetzung ein ziemlich geniales Feature. Denn wir können mit nur einigen Tasten zwischen den Zeiten hin und herspringen – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn die Zeitreisen absolviert nicht Crisbell selber, sondern Matias, der sympathische Frosch, der auch sonst viel zu erzählen und helfen weiß. Durch diese Zeitreisen findet man immer wieder Hinweise auf das weitere Vorgehen, wenn beispielweise in der Vergangenheit die Ursache eines Problems erwähnt, in der Gegenwart der dazu passende Auftrag formuliert und schließlich in der Zukunft die Lösung gefunden wird. Das alles ist viel weniger kompliziert als man zunächst annehmen würde, weil einen das Spiel immer wieder entsprechend an die Hand nimmt. Allerdings sind die Zeitreiserätsel meist storyrelevant und abseits der Geschichte nur selten von Nöten. Hier wünschte man sich als Spieler, dass Neugier und Ausprobieren häufiger zu geheimem Loot führen würden.

Traumhafte Bilder und Klänge

Japanische Rollenspiele sind bekannt für wunderschöne Grafiken, die von genialen Kompositionen begleitet werden. Cris Tales wird aber ohne Zweifel dafür sorgen, dass sich japanische Entwickler staunend nach dem kolumbianischen Entwicklerstudio umsehen werden. Was hier abgeliefert wird ist schlichtweg fantastisch. Zugegeben, die Optik muss man mögen, aber wenn man es tut, ist man augenblicklich schockverliebt. Dabei sind die Zutaten nicht einmal besonders originell, im Gegensatz zu der schlussendlichen Umsetzung. Der Aufbau der Welten erinnert an neuere Paper Mario Titel – alles wirkt wie ausgeschnitten und liebevoll in eine drei dimensional begehbare Welt hineingeklebt. Vom Charakterdesign fühlt man sich hin und wieder an Zelda – The Windwaker erinnert. Vor allem bei den für die Story wichtigen Bleiglasfenstern in den Kirchen scheinen die Zelda Spiele Vorbilder gewesen zu sein. Die Charaktere, denen man begegnet sind wundervoll gezeichnet und bringen die richtigen Emotionen zum Ausdruck. Das alles wird unterstützt durch ein hervorragendes Voice Acting. Denn während viele japanische Vorbilder gerne über die Stränge schlagen, wenn es um die Intensität der Stimmen geht, liefert Cris Tales ein sehr angenehmes und stimmiges Ambiente. Da ist es auch zu verschmerzen, dass es keine deutsche Synchronisation gibt, denn immerhin sind alle Bildschirmtexte sehr gut ins Deutsche übersetzt worden und jeder Spieler kommt auf seine Kosten. Bei der Musik gibt es ebenso absolut nichts auszusetzen. Sie ist immer passend und unterstützt die Story im gleichen Maße, wie sie den Spieler zum wohligen Träumen und Schwärmen animiert. Insgesamt präsentiert sich das Spiel als ein audiovisuell herausragender Titel, der einem alleine dadurch lange im Gedächtnis bleiben wird.

Der Kampf mit der Zeit

Das Spiel wagt sich an ein rundenbasiertes Kampfsystem. Da mögen jüngere Spieler entnervt aufstöhnen – völlig grundlos, wie sich nach nur wenigen Minuten des Spielens herausstellt. Denn die Zeitreisethematik entfaltet erst hier ihre volle Wirkung. An einem kurzen Beispiel erklärt: Die schier undurchdringbare Rüstung eines Gegners lässt die Party verzweifeln. Kein Angriff geht hindurch. Nur der Wasserzauber eines Gefährten hinterlässt einen Nässe-Status. Wendet man jetzt auf den Gegner einen Zukunftskristall an, wird dieser in die Zukunft versetzt, wo die Nässe zu einem rostigen Schild führt, der wiederum mit Leichtigkeit durchbrochen werden kann. Auf der anderen Seite können zu starke Gegner in die Vergangenheit versetzt und somit in ihr kindliches Ich verwandelt werden, was sie zu einem unwürdigen Gegner verkommen lässt. Was auf den ersten Blick so einfach klingt, ist im Kampf ein Spiel mit dem Feuer. Denn umgekehrt können Gegner von falsch eingesetzten Zeitzaubern auch profitieren und das Team verspielt all seine Vorteile. Zumal links vom Team stehende Gegner nur in die Vergangenheit und rechts stehende Gegner nur in die Zukunft versetzt werden können – das führt dazu, dass der Spieler sich einige Strategien merken muss, um am Ende erfolgreich zu sein. Dabei hilft eine Kampfmechanik, die wieder an Paper Mario erinnert. Drückt man nämlich im richtigen Zeitpunkt die Action-Taste kann man eigene Angriffe verstärken und gegnerische abschwächen oder gar parieren. Zum Anfang des Spiels sind die Kämpfe recht fordernd, denn bis der erste Itemshop erreicht werden kann, muss man schon einige Kämpfe durchstehen und das obwohl sich noch im Kampfsystem zurecht gefunden werden muss. Da auch nicht überall gespeichert werden kann, nur auf der kargen Weltkarte und an entsprechenden Save-Points, kommt man schon das ein oder andere Mal ins Schwitzen. Wer jetzt meint, dass Grinden dabei die beste Lösung sei, wird sich schnell mit dem größten Manko dieses Games konfrontiert sehen.

Time after Time

Epische Rollenspiele dieser Gangart schaffen es mit Leichtigkeit und meist ab der ersten Sekunde den Spieler in ihren Bann zu ziehen. Sie lassen einen die Umwelt vergessen und voll und ganz in die Spielwelt eintauchen. Ein Dragon Quest beispielweise lässt einen meist erst dann los, wenn der Abspann nach vielen, vielen Stunden den Bildschirm säumt. Und Cris Tales hätte sich hier problemlos einreihen können, wenn nicht diese unsäglichen Ladezeiten wären. Man wechselt den Screen innerhalb einer Region. Ladezeit. Man geht in ein Gebäude. Ladezeit. Ein Kampf beginnt. Ladezeit. Ein Kampf endet. Ladezeit. Der weiße Screen mit einer, durch das Laden nicht einmal flüssig laufenden Crisbell, reißt den Spieler immer wieder für ca. 10 Sekunden aus dem Spielgeschehen, wodurch zum Einen der Bezug zur Story immer wieder flöten geht, wie auch die Orientierung in der Spielwelt. Die Dungeons sind eh schon nicht besonders abwechslungsreich gestaltet und so führen die Ladezeiten unnötigerweise zu Orientierungslosigkeit nach den gar nicht mal so seltenen Zufallskämpfen. Und gerade diese hat man eigentlich schon im verdienten Ruhestand gewähnt. Während selbst auf Retrofeeling setzende Titel der Neuzeit sichtbare Gegner implementieren (große heilige Ausnahme: Octopath Traveller), werden wir hier immer wieder ungeplant aus dem Geschehen gerissen, was in Kombination mit den unangenehmen Wartezeiten einen Frust erzeugt, der sogar in der Playstation-One-Ära zu Punktabzügen geführt hätte. Das alles ist vor allem deshalb so ärgerlich, weil das Spiel bei all der gelobten Optik, nicht so aussieht, als wären riesige Rechenleistungen á la GTA 5 nötig.

8.0Wertung

Fazit

Cris Tales ist ein klassisches Rollenspiel mit einigen innovativen Ideen. Vor allem bei Optik und Sound wird ein unvergesslicher Stil erschaffen, der einigen wenigen zwar gar nicht, anderen dafür vollends gefallen wird. Wären nicht einige technische Mängel, hätte man vorbehaltlos ein oder gar zwei Punkte mehr geben können. So bleibt es bei einer schönen Perle für Kenner und Neueinsteiger.

Design
9.0
Sound
10.0
  • Wunderschöne Zeichnungen
  • Innovative Kampfmechanik
  • Charaktere mit emotionaler Story
  • Unsägliche Ladezeiten
  • Zufallskämpfe in Dungeons
  • Einfallslose Dungeons

Vielen Dank an die Firma Modus Games für die Bereitstellung des Testmusters.

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