
Tales from the Borderlands
Die Telltale Games waren lange Zeit eine sehr beliebte Variante des Point'n'Click Adventures und wussten trotz technischer Limitationen durch eine filmreife Erzählung und durch die vielen gravierenden Entscheidungen, die der Spieler treffen musste, zu begeistern. Dass Tales from the Borderlands den anderen Releases des Publishers qualitativ in nichts nachsteht, war bereits zum ersten Release 2014 bekannt. Wie sich das Spiel aber heute, 7 Jahre später, so schlägt, verrät euch der Test.

Tales from the Borderlands
NSW
- Genre
- Action-Adventure
- Entwickler
- Take-Two Interactive
- Publisher
- Take-Two Interactive
- Konsole
- NSW
- Spieler
- 1 lokal
- Freigabe
USK ab 16
Perfekte Adaption
Telltale Games haben sich von Anfang an darauf spezialisiert bereits bekannte Geschichten in Form ihrer ganz eigenen Adventures umzusetzen. Die bekannteste Veröffentlichung dürfte dabei die The Walking Dead Serie sein. Und trotz dieser Franchise-Auswahl überraschte damals die Entscheidung, ein Point'n'Click, im Borderlands Universum anzusiedeln. Auf den ersten Blick bestehen nämlich keinerlei Gemeinsamkeiten. Die Borderlands-Serie charakterisiert sich durch wildes Egoperspektiven-Geballer, das schier unendliche Sammeln von Loot, in Form von Waffen, Munition, Items etc., der Open World, die zum stundenlangen Erkunden einlädt und nicht zuletzt durch einen fabelhaften Koop-Modus. Dagegen kennzeichnen sich die Telltale Spiele durch starre, aber filmreife Kameraführung, ein eher gemächliches Tempo, manchmal unterbrochen von hektischen, auch brutalen Spitzen, ausgewachsenem Singleplayer-Storytelling, dass dem Spieler nur wenig Raum für echtes Gaming, dafür aber großartige Entscheidungsmöglichkeiten lässt – manchmal geht es um Leben und Tot und es gibt kein Zurück, aber dennoch bleiben die Erkundungsmöglichkeiten geradezu banal. Bei all diesen offensichtlichen Unterschieden verbindet beide Serien die Liebe zu eigenwilligen Charakteren, die dem Spielenden noch lange in Erinnerung bleiben. Und genau an diesem Punkt scheinen die Macher von Tales from the Borderlands angesetzt zu haben, denn ab dem allerersten Augenblick des Spiels fühlt man den ganzen Flair der Borderlands-Reihe. Die typische Cell-Shading Grafik beider Spiele wurde perfekt kombiniert und es entsteht eine echte Designsymbiose. Gerade durch seine Optik bleibt das Spiel, wie auch die Egoshooter Originalteile, zeitlos. Unterstützt wird dies durch abgefahrene Charaktere und einen schwarzen Humor, der eine gewisse moralische Flexibilität vom Spieler erfordert. All das setzt sich zusammen zu einem sehr guten Start, der Lust macht auf mehr.
Kino zum Mitmachen
Die filmähnlich erzählte Geschichte ist zwischen Borderlands 2 und 3 angesiedelt und dreht sich dabei um den Hyperion Angestellten Rhys, Fiona und einige ihrer Bekannten. Rhys, der sich schon eine hohe Stelle bei Hyperion einnehmen sah, wird durch seinen Erzrivalen ausgebootet und muss jetzt schauen wo er bleibt. Dass es dabei natürlich turbulent zugeht und kaum ein Plan so funktioniert wie er soll, versteht sich ganz von selbst und entlockt Rhys immer wieder sarkastische Kommentare. Er ist dem Spieler vom ersten Augenblick an sympathisch. Der nette Typ, der unverdienter Weise von einem Abenteuer ins nächste schlittert. Eigentlich ein typischer Point'n'Click-Held, wenn da nicht auch seine völlig abgebrühte, listige und teilweise kaltschnäuzige Art wäre. Es ist direkt zu Beginn schon eine Freude ihm und seinem besten Freund Vaughn beim Quatschen zuzuhören. Wie bei Telltale Games üblich, ist der Spieler immer wieder angehalten aus vier gebotenen Antwortmöglichkeiten zu wählen und so das Spielgeschehen zu beeinflussen. Das führt zum einen dazu, dass man den Controller doch nicht ganz vergisst bei all dem Storytelling, zum anderen bringt es aber auch immer wieder Hektik ins Spiel, da man zum Antworten nicht besonders viel Zeit hat. Langsame Leser werden hier in Stress geraten. Auf die selbe Weise kann man situationsbedingt auch Entscheidungen treffen, die den Ausgang des Spiels maßgeblich beeinflussen. Das macht einen großen Reiz des Spiels aus. Denn nicht zu wissen, was alles hätte passieren können, hätte man sich nur anders entschieden, ist ein Nervenkitzel, der zum zweiten Spielen einlädt. Wer das bei Tales from the Borderlands macht, wird aber feststellen, dass hier sehr häufig alle Wege nach Rom führen, sodass nur die wenigsten Entscheidungen wirklich massive Veränderungen mit sich bringen. Nichtsdestotrotz ist es genau das Spiel mit den Variablen, welches das Game (mindestens beim ersten Mal) so spannend macht. Für Abwechslung sorgen dabei Quicktime-Events, die eine schöne Brücke zum Borderlands Gameplay schlagen. Da kommt es schon mal vor, dass man einen Roboter steuert, der an Robocops Kontrahenten erinnert und alle Gegner in Egoshooter Manier wegpustet, dass die Fetzen nur so fliegen. Schade dabei ist allerdings, dass man bei Verfehlungen gleich das ganze Quicktime-Event samt erzählerischer Einleitung wiederholen muss, was schnell zu Frustration führen kann. Immerhin suggeriert das Spiel, dass man möglichst flüssig und ungestört die Story vorantreiben soll. Knifflige Passagen scheinen da nicht reinzupassen. Wobei man sagen muss, dass das Spiel nie besonders schwer wird und auch genretypische Logikrätsel schmerzlichst vermisst werden. Es bleibt die den Telltale Games ewig anhängende Kritik bestehen, dass man nie ganz weiß, was das Spiel eigentlich sein will. Am besten man betrachtet es als interaktiven Film, der ab und zu die ganze spielerische Aufmerksamkeit verlangt.
Technisch einwandfrei
Beim Spielen auf der Switch ist es unmöglich auszumachen aus welchem Jahr das Spiel stammen könnte. Das liegt zum einen an der Cell-Shading-Grafik und zum anderen an der wirklich glänzenden Umsetzung. Selbst im Handheld Modus bleibt das Feeling erhalten und man könnte meinen das erste Playstation 3 Borderlands vor sich zu haben. Man muss schon wirklich genau hinsehen, um überhaupt Unterschiede zum TV-Modus zu erkennen. In der Mimik und den Charakteranimationen würde man heutzutage wahrscheinlich noch etwas mehr rausholen, aber andererseits sind die Spiele dieses Publishers für seinen comicartigen Look bekannt. Auch Soundtechnisch bietet dieses Spiel das volle Borderlands-Arsenal an Explosionen, Gewehrklängen und toller Musik. Unterstützt wird das fantastische Klangerlebnis durch eine sensationelle Synchronisation. Man könnte sich an dieser Stelle darüber beschweren, dass es keine Deutsche Tonspur gibt, aber diese wäre nur mit einem sehr hohen Budget genauso gut geworden, wie die originale. Bevor man also Mittelmaß in der Muttersprache ertragen muss, freut man sich über die perfekte englische Vertonung. Das führt natürlich dazu, dass man andauernd viel und schnell lesen muss, wenn man des Englischen nicht mächtig ist. Insgesamt kommen die Telltale Games auf der Nintendo Konsole fast authentischer rüber, als auf ihren Heimatsystemen. Der Re-Release hat sich insofern bestimmt gelohnt und man könnte soweit gehen zu sagen, dass die Switch dank ihrer Portabilität die perfekte Konsole für dieses Game ist. Warum man aber den Touchscreen nicht eingebunden hat, ist eine interessante Frage. Sinn ergeben hätte es auf jeden Fall, da man immer mal wieder die Umgebung untersuchen muss und die Steuerung mit Curser ein wenig nerven kann. Abgesehen davon bleibt die technische Umsetzungen über jeden Zweifel erhaben. Angenehme Ladezeiten, flüssige Animationen und gute Steuerbarkeit ergeben ein rundes Gesamtbild. Würde es sich hier um einen Erst-Release für die Nintendo Switch handeln, würde die Bewertung nicht weniger positiv ausfallen.
Für wen ist das Game?
Angesichts der zu Beginn dargestellten Unterschiede der Telltale und der Borderlands Spiele, fragt man sich als Tester unweigerlich, für wen dieses Spiel eigentlich gemacht wurde? Wer bei Borderlands vor allem die wilden und schier endlosen Schießereien, am liebsten im Koop-Modus, schätzt, wird von Tales from the Borderlands wahrscheinlich etwas enttäuscht sein. Wen aber schon immer auch die skurrilen Persönlichkeiten der Reihe angesprochen haben und wer dadurch storytechnisch abgeholt werden konnte, darf Tales from the Borderlands defintiv eine Chance geben. Fans der Telltale Spiele greifen eh zu, egal was vorne drauf steht. Zudem haben es die Entwickler geschafft, trotz des Genre-Wechsels einen echten und würdigen Serienableger zu schaffen, dem der Begriff Spin-Off fast nicht gerecht wird. Vor allem kommt jeder Gamer inhaltlich zurecht, da Vorkenntnisse der Borderlands-Reihe den Spielspaß zwar deutlich erhöhen, es aber andererseits überhaupt keine negativen Auswirkungen hat, wenn man als Neuling dazustößt. Somit zeigt sich, dass jeder Borderlands-Fan mindestens einen Blick riskieren sollte und auch mit der Serie weniger vertraute Spieler auf ihre Kosten kommen.
Fazit
Ein klassisches Telltale Game, das aber mit der virtuosen Skurrilität des Borderlands-Unviersums aufwarten kann. Großartige Story, tolle Charaktere und eine audiovisuelle Präsentation, welche die Switch perfekt zu nutzen weiß, auch wenn ihr Touchscreen unverständlicherweise nicht genutzt wird.
- Audiovisuelle Präsentation<p>
- Endlich für unterwegs<p>
- Skurrile Charaktere
- Touchscreen-Nutzung fehlt<p>
- Anspruchsloses Gameplay<p>
- Typische Rätseleinlagen fehlen
Vielen Dank an die Firma Take-Two Games für die Bereitstellung des Testmusters.


