
Scott Pilgrim vs. The World: Complete Edition
Fragt man echte Comicnerds nach der besten Comicverfilung aller Zeiten, wird man neben den Marvel und DC Giganten, sowie dem epischen Watchmen, auch immer wieder Scott Pilgrim vs The World als Antwort bekommen. Das verschneite, optisch herausragende und voller Videospielanspielungen steckende Coming of Age Meisterwerk von Edgar Wright konnte Gamer auf dem ganzen Globus überzeugen. Aber wie steht es um das Spiel zum Film? Das erfahrt ihr hier im Test.
Das Pilgrim Universum
Wenn man sich noch nie mit der Liebesgeschichte des Scott Pilgrim auseinandergesetzt hat, ist es schwer zu erraten, was zu erst da war. Der Comic, der Film oder das Spiel? Alles ist optisch, erzählerisch und stilistisch perfekt aufeinander abgestimmt und ist voll gepackt mit Referenzen aus der Popkultur. Beim Lesen des Comics fallen einem diese filmreifen Emotionen auf, beim schauen des Films diese videospielartigen Sounds und Kämpfe und beim Spielen des Games stechen einem diese besonderen Charaktere, ebenso wie die dichte Atmosphäre hervor. Tatsächlich begann die Indie-Erfolgsgeschichte mit der Comicreihe, die dann vom „Shaun of the Dead“ Regisseur Edgar Wright verfilmt wurde. Passend dazu erschien das klassische Retro-Beat'm'up, dass allerdings nicht die größte Aufmerksamkeit genießen durfte. Dementsprechend verschwand es irgendwann aus den digitalen Spieleshops und man hätte meinen können, dass damit das Kapitel Scott Pilgrim abgeschlossen sei. Aber siehe da – zum 10. Jubiläum möchte man es bei Ubisoft doch nochmal wissen.
7 Exfreunde
Bei der Story von Scott Pilgrim vs The World ist es nicht schwer an eine Videospielverfilmung zu denken (und nicht andersrum!). Denn Scott verliebt sich unsterblich in Fiona Flowers. Zu blöd nur, dass er zum einen vergeben ist, an sein Megagroupie Knives und zum anderen die sieben teuflischen Ex-Freunde von Fiona besiegen muss. Warum das so ist, wird nicht weiter geklärt. Es ist aber allen klar: Selbst wenn man es blöd und sexistisch findet, führt nichts daran vorbei. Wer mit Ramona Flowers zusammen sein will, muss gegen die Ex-Freunde ran. Und beim Schauen der Kampfszenen juckt es dem geneigten Beat’m’Up Fan mächtig in den Fingern. Die Superattacken erinnern an die stärksten Perlen des Genres und nach den Kämpfen regnet es Münzen als Belohnung. Es lag also schon sehr nah das Spiel als klassischen Sidescroll-Prügelspaß anzulegen. Zu Beginn wählt man aus einem der vier, fantastisch gezeichneten und animierten, Figuren. Allerdings merkt man schnell, dass sich diese spielerisch kaum voneinander unterscheiden - bis auf die charakterbezogenen Spezialattacken. Aber darauf kommt es bei einem Spiel dieser Gattung auch nicht zwingend an. Interessanter sind die vielen verschiedenen Gegner, die einem immer wieder das Leben schwer machen wollen. Denn viel Zeit zum Verschnaufen und Optik genießen bleibt einem nicht, da man fast durchgängig von miesgelaunten Comicwiedersachern belagert wird. Man hat dem aber einiges entgegenzusetzen. Mit dem Fortschritt im Spiel lernt man immer weitere Fähigkeiten, um den Gegner noch effektvoller auf die Matte zu schicken. Die Fightingmoves haben einen ordentlichen Punch und kommen hin und wieder auch sehr lustig. Vor allem wenn die Umwelt in den Kampf integriert wird. Zu einer guten Spielplatz-Keilerei gehört eine kleine Schneeballschlacht doch einfach dazu. Die Exfreund-Kämpfe machen richtig Spaß, denn die verschiedenen Phasen möchten erst einmal gelernt sein und die übertriebene Filmoptik wird zudem perfekt umgesetzt. Untypisch für das Genre ist allerdings, dass die Endbosse teilweise einfacher zu besiegen sind, als einige Zwischengegner. Der Schwierigkeitsgrad des Spiels ist nämlich gar nicht ohne. Zum Glück levelt man in regelmäßigen Abständen und hält dadurch mehr aus. Noch eine Neuerung im Beat'm'Up Sektor sind die MP-Punkte, die man entweder für vernichtende Spezialattacken nutzen kann oder aber man spart sie, um im Falle eines vorzeitigen Ablebens mit Extraenergie (Hälfte der übrigen MP) gerettet zu werden. Während das alles im Singleplayer auf die Dauer monoton wird, holt der Multiplayer vor allem zu viert einiges raus. Man fühlt sich an die guten alten Tage in der Spielhalle erinnert. Um Online zu spielen braucht man allerdings ein Ubisoft Konto. Das schreckt beim ohnehin etwas komplizierten Nintendo-Online Angebot etwas ab, lohnt sich spielerisch aber defintiv.
Fast schon zu Retro
Optisch macht das Spiel echt was her, gerade wenn man auf Prügler der alten Neo-Geo Schule steht. Das Spiel sieht so aus, wie man es sich vor dreißig Jahren gewünscht hat. Es sieht aus wie eine gepixelte Version des Comics. Sogar das berühmte Unviersal Logo am Anfang hat eine Pixelkur erhalten. Wer amerikanische Automatenspiele ebenso wie die Veganerseitenhiebe aus den Comics mag, wird auch beim anfangs einblendeten Staatslogo schmunzeln. Wo man früher aus Angst vor den ach so jugendgefährdenden Videospielen ein Logo mit dem Schriftzug „Winners don’t use drugs“ las, prangt bei Scott Pilgrim in der gleichen Optik „Winners don’t eat meat“. Auch die Levelauswahl findet ganz im Retrostil auf einer pixeligen Stadtkarte statt, die an eine gewisse Spielereihe mit einem mopsigen Klempner erinnert. Musikalisch handelt es sich bei diesem Spiel um ein zweischneidiges Schwert. Im ersten Moment drückt einen der fette 8-Bit Midi-Rocksound ordentlich in den Sitz, auf der anderen Seite dudelt das immer gleiche Stück ziemlich lange am Stück monoton vor sich her. Das kann auf Dauer nerven. Alles in allem merkt man dem Spiel deutlich an, dass es auf Teufel komm raus Retro sein möchte und am liebsten in jeder Sekunde, in jedem Byte dem Spieler eine weitere Referenz um die Ohren hauen möchte. Vor allem, weil das Spiel die Retrowelle reitet, die vor 10 Jahren, als das Spiel erschien, seinen wahren Höhepunkt hatte und seitdem mehr als genügend ausgemolken wurde.
Complete Edition
Mittlerweile ist der Begriff Complete Edition ein wenig überstrapaziert, denn bei jedem Remaster, Rerelease und jeder Neuauflage möchte man neue Kunden davon überzeugen hier das größtmögliche Gesamtpaket zu erhalten. Und wenn das auch strenggenommen auf Scott Pilgrim vs The World: Complete Edition zutrifft, so hat man hier nicht mit allzu vielen Inhalten zu rechnen. Das Spiel selbst hat man in fünf Stunden durch und die Zusatzmodi sind nett, reißen aber nicht vom Hocker. Den altbekannten Bossrun oder Zombiemodus gibt es bei anderen Games ja schon häufig in der Basisfassung gratis dazu. Ob man einen wenig abwechslungsreichen Versus-Modus (jeder gegen jeden) oder ein Vier-Spieler-Ballspiel unbedingt braucht, ist eher Ansichtssache. Dabei hätte ein wenig Abwechslung dem Spiel ganz gut getan. Denn selbst als eingefleischter Fan wird man sich spätestens ab Level 3 fragen, ob denn noch etwas Neues kommt. Bei 14,99€ ist das aber zu verkraften und der geneigte Comic- und Prügelspielfreund darf bedenkenlos zugreifen.
Fazit
Zu Beginn werden die Augen des Retronerds sehr groß und man vermutet einen zeitlosen Klassiker. Doch mit zunehmender Spielzeit macht sich eine Monotonie breit, die man mit einfachsten Mitteln hätte verhindern können. Es bleibt ein solides Beat'm'Up, dass sein Geld dennoch wert ist.
- Wunderschöne Pixeloptik<p>
- Sehr klassisches Beat'm'Up<p>
- Vier-Spieler-Koop
- Auf Dauer etwas monoton<p>
- Umfang<p>
- Zum Onlinespiel Ubisoft Konto benötigt
Vielen Dank an die Firma Ubisoft für die Bereitstellung des Testmusters.




