
Märchenstundengewinnspiel Platz 4
Wie Nintendo mein Leben gerettet hat
Es muss im späten Frühjahr 2000 gewesen sein. Mit meinen 11 Jahren war ich stolzer Besitzer eines Original Gameboys inklusive der brandaktuellen roten Pokémon Edition. 149 der Taschenmonster durfte ich bereits mein Eigen nennen, es fehlte lediglich noch Tauros, welches sich partout nicht fangen lassen wollte.
Zum neuen Jahrtausend zog auch ein neuer Nachbar in die marode Bruchbude auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein. Der Typ namens „Kotzlowski“ erfüllte so ziemlich alle Klischees: ein 120kg Fleischklops, dessen bleiche Haut nahezu flächendeckend mit Tattoos überzogen war, grimmiger Blick, Dreitagebart, Glatze, alleinstehend.
Nunja, letzteres nur bedingt, schließlich gab es da ja noch sein Hündchen, das auf den lieblichen Namen „Brecher“ hörte. Zu recht, denn Brecher war eine Bulldoge mit Nietenhalsband, Killerblick und noch mehr Speckringen als sein Herrchen. Ein Kind meines Alters hätte diese brutale Bestie in Sekundenschnelle als Leckerli verspeist. Und dass Brecher manchmal einen Maulkorb in der Größe einer Satellitenschüssel trug, senkte meine panische Angst auch nicht unbedingt. Jedenfalls machte ich um Hund wie auch Nachbar einen recht großen Bogen.
Es passierte an einem sommerlichen Maitag. Meine Mutter setzte mich vor die Haustür mit der Begründung, dass ich meinen blassen Nerdkörper doch einmal in die Sonne halten soll, um nicht gänzlich als Zombie betitelt zu werden. Eine wunderbare Gelegenheit, meinen PokéDex nach aufopferungsvollen Monaten des Sammelns und Trainings zu vervollständigen. Ich zückte meinen Gameboy hervor und schaltete ihn an. Es machte „Palim“ und eine wohlig vertraute Wärme strömte durch meinen Körper. Dieses Gefühl währte nicht lange, denn 50 Meter gegenüber hatte ich scheinbar soeben des Nachbars Wauwau unsanft aus seinen Hundeträumen geweckt. Er schreckte aus seinem mit abgenagten Menschenknochen bestückten Schlafplatz hervor und begann sogleich fürchterlich zu knurren und zu bellen, was mir selbst aus dieser Entfernung durch Mark und Bein ging. Glücklicherweise war er mit einer mehreren Zentimeter dicken Stahlkette an der Hauswand befestigt. Das beruhigte mich ungemein. Nicht selten musste ich an den Kettenhund in Super Mario 64 denken.
Trotz monotonen Gebells im Hintergrund konzentrierte ich mich wieder auf mein Display. Ich hielt mich in der Safari-Zone auf und begegnete nach unzähligen Nidorans und Oweis tatsächlich einem Tauros, welches sofort flüchtete. Dies wiederholte sich leider diverse Male, was mir die ein oder andere Schweißperle auf die Stirn trieb. Ich war so ins Spiel vertieft, dass ich nicht bemerkte, wie außerordentlich gereizt Brecher im Laufe der Zeit wurde. Verständlich bei den schrillen Tönen, die der Gameboy-Lautsprecher ausspuckte. Mit Schaum vorm Maul riss und zog die Bulldoge an der Stahlkette in der Hoffnung meine Geschmacksrichtung und die meines grauen, klobigen Kastens in Erfahrung zu bringen.
Ich hatte soeben wieder ein Tauros verpasst, als ein lautes Krachen meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Ich hob meinen Kopf und sah, wie eine fette Bulldoge mit gefühlten 120 km/h von der gegenüberliegenden Straßenseite zähnefletschend frontal auf mich zurast, die Stahlkette mitsamt einem Stück Hauswand hinter sich herschleifend. Schnaubend vor Wut, mir entgegen stampfend – wie ein Tauros! Da war es, das Tauros. Was für ein Prachtexemplar. Ich musste es nur noch fangen. Reflexartig zog ich meine Kappe nach hinten, machte die extrem coole Ash-Ketchum-Pokéball-Wurf-Pose und schmetterte einen Pokéball auf den wilden Stier. Ein Pokéball...? Nein, das war ja mein Gameboy! Mit der Wucht eines Ziegelsteins knallte mein geliebtes Handheld mit voller Einschlagskraft auf Brechers Nase. Sowohl Hund als auch Elektronikgerät gaben vorerst keinen Ton mehr von sich.
Die traurige Nachricht dem Nachbarn Kotzlowski zu überbringen verängstigte mich mindestens genauso sehr wie sein Vierbeiner. Doch seine Reaktion darauf ließ mich stark an meiner frühkindlichen Menschenkenntnis zweifeln. Unter Tränen und bitterlichem Schluchzen nahm er seinen Wuffi in die breiten, tattoowierten Arme und liebkoste ihn rührend. Entgegen seines äußeren Erscheinungsbildes schien der Kerl tatsächlich sehr sensibel und großherzig zu sein. Natürlich hatte ich ihm nichts davon erzählt, wie ich mein Handheld irrtümlicherweise als Wurfgeschoss missbraucht hatte. Erst jetzt realisierte ich, dass mein lädierter aber nicht minder funktionsfähiger Gameboy mich davor bewahrt hat, Opfer der natürlichen Selektion zu werden. Der Hund hätte in seinem Gemütszustand kurzen Prozess mit mir gemacht. Insofern danke ich Big N bis heute dafür, dass sie ihr erstes portables Videospielsystem recht wuchtig und massiv gebaut haben.
Ich wollte mich noch vom Nachbarn verabschieden, da blickte er sichtlich erstaunt auf mein Handheld und verschwand daraufhin kurz in seiner Wohnung. Als er zurückkehrte, traute ich meinen Augen nicht: stolz präsentierte er seinen GameBoy Pocket in der Farbe Pink mit dem Spiel „Arielle, die Meerjungfrau“!
Wie man sich in einem Menschen doch täuschen kann!
von C.B.