
Dungeons & Dragons: Chronicles of Mystara
Dungeons & Dragons – an was denkt ihr unmittelbar nach dem Lesen dieser Worte? An ausgedehnte Spielabende in geselliger Runde, welche sich nur mit Würfel, Papier, Bleistift und einer Menge Fantasie (Copyright Spongebob) in die tollsten Abenteuer in euren Köpfen verwandeln? An umfangreiche PC-Epen der Marke Baldur´s Gate? Oder gar an First Person-Expeditionen durch gleichermaßen ungemütliche und unheilverheißende Dungeons wie im auch für SNES erschienenen Eye of the Beholder? Was es auch sein mag, die wenigsten würden diesen großen Namen der US-amerikanischen Fantasy zuallererst mit einem japanischen Sidescrolling-Beat-´Em-Up aus dem Hause Capcom assoziieren – ein Genre, wie es von der ursprünglichen Pen&Paper-Mechanik der Serie wohl kaum weiter entfernt sein könnte. Kann das gut gehen? Überraschenderweise ja!
Double Dungeons, Double Dragon(s)!
Aber alles schön der Reihe nach: Bei dem eShop-Downloadtitel Chronicles of Mystara handelt es sich um eine Compilation zweier Arcade-Brawler – Tower of Doom von 1993 und der drei Jahre später auf das Automaten-Publikum losgelassene Nachfolger Shadow over Mystara – welche exklusiv für den gemeinsamen Re-Release mit einem liebevoll gestalteten Drumherum und modernen Zusatz-Features ausgestattet wurde: Ein schickes, neues Hauptmenü mit massig Optionen, direkte Anwahlmöglichkeiten von bereits erreichten Stages, Unterstützung (fast) aller möglicher Controller (Game Pad, Pro Controller, Wii Classic Controller, Wii Remote), ein Achievement-System (praktisch: Wird im originalgetreuen 4:3-Modus gespielt, werden die überschüssigen Bildschirmteile für die zugehörigen Fortschrittsanzeigen genutzt), Leaderboards und sogar Online-Multiplayer! Seltsam nur, dass ihr defaultmäßig nach dem Einschalten im Menü von Shadow over Mystara (eigentlich Teil 2 dieser Mini-Serie) startet und der Hinweis, mittels Minus-Taste könne zum Vorgänger Tower of Doom angewählt werden, vergleichsweise winzig und leicht zu übersehen dargestellt wird...
Lufia and the Tower of Doom
Letztendlich bleibt es aber ohnehin ziemlich egal, mit welchem der beiden Fantasy-Prügler ihr beginnt, denn abgesehen von dezenten technischen Verbesserungen und etwas mehr Spielkomfort durch das ebenso übersichtliche wie von Secret of Mana geklaute Ringmenü für das Inventar gleichen sich die beiden Spiele auf den ersten Blick wie ein (Drachen-)Ei dem anderen: Bis zu vier Leute (großer Pluspunkt!) dürfen sich aus den üblichen Verdächtigen wie Krieger, Kleriker oder Magier (im Sequel ist hier die Auswahl etwas größer als in Tower of Doom) ihren Favoriten auswählen und ihn auch gleich im Zelda-Stil benennen – rollenspieltypisch, aber sehr ungewöhnlich für eine Arcade-Keilerei. Auch spielerisch geht es in beiden Fällen darum – ganz wie etwa die Turtles in Time – durch zumeist linear von links nach rechts scrollende Abschnitte zu wandern und anrückende Gegner zu bekämpfen, bevor weiter gereist werden darf. Storymäßig schließt Shadow over Mystara allerdings direkt an Tower of Doom an – leider ist der Plot vorlagenuntypisch ziemlich dünn geraten, da die durchaus stimmungsvollen, häufigen Dialoge und Erzähler-Einschübe leider allesamt äußerst kurz daherkommen: Wohl, um nicht Gefahr zu laufen, das als tendenziell eher ungeduldiger angenommene Spielhallen-Publikum mit ausschweifender Exposition zu langweilen.
Hey, wer hat die Tür zum Gruselkabinett offen gelassen?!
Dennoch: Für ein stärkeres Abenteuer-Feeling als im durchschnittlichen Brawler sorgt es allemal, wenn ihr etwa an Bord eines fliegenden Schiffes geht und dort von Bösewichten geentert werdet, anstatt lediglich aus dem Bild zu laufen und nach einer Überblendung den Schritzug „Level 2“ zu lesen! Capcom hat hier ganz einfach eine angenehme Prise Komplexität hinzugefügt, welche die im Kern alles andere als komplexen Story- und Spielelemente angenehm aufwerten: Wenn ihr euch mit Schwert, Axt und anderen mittelalterlichen Mordwerkzeugen durch Heerscharen von Goblins, Kobolden, Fischmenschen, Gnollen, Trollen oder Pollen (okay, letztere nicht – wäre aber eine schöne Genugtuung für Allergiker!) schnetzelt, seid ihr nicht nur auf einen Sprung- und Angriffsknopf beschränkt, sondern könnt mit den verbleibenden beiden Action-Buttons auch im Inventar stöbern und Items wie Sekundärwaffen, Zaubersprüche oder schützende Schilde nutzen! Und nicht nur das – einfache Stick/Steuerkreuz-Button-Kombinationen ermöglichen dann auch noch zahlreiche erweiterte Attackenvarianten wie Rutschangriffe, Schwertstoß nach unten oder den obligatorischen Special Move, welcher ordentlich Schaden anrichtet, aber auch am Energievorrat des Helden selbst zehrt und daher nur sparsam eingesetzt werden sollte.
Weltreise
Wenn besiegte Gegner dann auch noch häufig Ausrüstungsgegenstände wie den Ring der Feuer-Resistenz, welcher selbst lodernde Flammensäulen passieren lässt, Schlüssel für verschlossene Schatzkisten mit besonders wertvollem Inhalt, Munition für Sekundärwaffen wie Pfeil und Bogen oder mittelalterliche Molotow-Cocktails sowie Geld, welches in zwischen den Actionszenen besuchbaren Shops verprasst werden kann, dann sorgt dies, im Zusammenspiel mit dem Vorhandensein von Erfahrungspunkten und damit Level-Anstiegen, für ein schönes, dezentes RPG-Feeling, ohne dass Prügel-Puristen gelangweilt werden. Unschätzbar hoch für den Wiederspielwert (zu dem übrigens auch die vier wählbaren Schwierigkeitsgrade ihren Teil beitragen) ist schließlich noch die häufige Wahlmöglichkeit zwischen verschiedenen Routen (und damit Stages), welche zwei Spieldurchgänge sehr unterschiedlich werden lassen kann: Wenn ihr euch etwa auf dem Weg zur Festung des Oberschurken gegen den weniger gefährlichen, aber längeren Gebirgsweg entscheidet und die Abkürzung durch das alte Zwergenbergwerk nehmt, wo euch prompt ein bildschirmfüllender Riesendrache auflauert, kommt wirklich Freude auf!
Behold the Beholder!
Also – trotz des namensgebenden Schattens – alles eitel Sonnenschein in den Landen von Mystara? Nun, das wäre dann doch etwas zu viel gesagt: Das (trotz aller kleiner Finessen immer noch) simple Gameplay dürfte wohl nicht jedermanns Sache sein; wer mit solchen „Prügel-Dich-Durch“-Spielen nichts anfangen kann, dem sei auch von dieser Inkarnation dieses allzu klassischen Prinzips abgeraten. Denn so viel Spaß das wilde Geprügel und die spaßigen Bossfights – etwa gegen den herrlich hässlichen Obertroll oder das Glubsch-Monster Beholder – auch machen, spielerische Abwechslung ist kaum vorhanden und es wird auch keine konsequente Auflockerung wie bei den genannten Turtles mit ihren Surfbrett- und Pseudo-F-Zero-Einlagen betrieben. Sprich, das Geschehen kann mit der Zeit doch recht eintönig werden – insbesondere im Singleplayer. Hinzu kommt, dass in beiden Episoden der Abspann arcadetypisch rasch zum ersten Mal über den Bildschirm flimmert – der Reiz liegt im mehrmaligen Durchspielen.
Sushi mit Western Wedges
Und wie sieht ein von einem japanischen Team vorrangig, aber nicht ausschließlich für den Westen entwickeltes Videospiel zu einer ur-amerikanischen Vorlage jetzt eigentlich aus? Nun, ungefähr so, wie man es sich vorstellt, wenn besagte Entwickler mit aller Kraft versuchen, weder ihre Landsmänner noch die alteingesessenen US-Rollenspieler vor den Kopf zu stoßen: Denn genau dies ist ihnen gelungen – Sprites, Charakterporträts und Zwischensequenzen scheinen irgendwo im Grenzbereich zwischen Illustrationen aus Dungeons&Dragons-Regelbüchern und Anime-Stil zu schweben, sodass wohl niemand aus beiden Gemeinden die Nase rümpfen muss. Auf der anderen Seite bringt diese Vorgehensweise aber die Konsequenz mit sich, dass Eigencharakter und -charme hier ein wenig zu kurz kommen: Die keinesfalls misslungene und technisch für damalige Verhältnisse sicherlich nicht üble, aber ziemlich grobschlächtig anmutende Grafik scheint zu jedem Zeitpunkt nicht so recht zu wissen, ob sie sich für westlichen oder Japano-Stil entscheiden soll; auch die Helden wirken stets generisch und austauschbar.Um es auf den Punkt zu bringen: Als eine bizarr leicht bekleidete Schurkin auftrat, konnte sich der Autor dieser Zeilen nicht entscheiden, ob er „Ach, diese Japaner!“ oder „Ach, diese Amerikaner!“ denken sollte (schließlich existiert das mysteriöse Prinzip „Je höhere Werte eine Rüstung für einen weiblichen Charakter hat, desto knapper ist sie geschnitten!“ ja gleichermaßen in beiden RPG-Schulen)...immerhin bleiben die nicht rasend ohrwurmträchtigen, aber doch stets angenehmen Fantasy-Klänge im Hintergrund stets passend. Passend – zu was auch immer...
Adventure Time!
Doch auch, wenn der optische Stil eher wie ein Kompromiss anmutet und das Gameplay etwa so viel Abwechslung bietet wie die Ernährung eines unglücklichen Zeitgenossen, der kurz vor dem zweiwöchigen Betriebsurlaub versentlich in einem Schnitzel-Imbiss eingesperrt wurde: Mit ein bis drei Freunden an der Seite macht dagegen auch die x-te Schlacht noch Spaß – hier kann also wieder eine Brücke zur ursprünglichen D&D-Pen&Paper-Spielrunde geschlagen werden: Hier wie dort lebt das Abenteuer in den Fantasy-Gefilden ganz einfach von der geselligen Runde!
Fazit
Zahlreiche Bonus-Features, spaßig-simples Spielprinzip mit netten RPG-Elementen und nicht zu vergessen zwei aufgrund multipler Reiserouten (für Arcade-Verhältnisse) respektabel lange Spiele in einem: Chronicles of Mystara ist genau das Richtige für ausgehungerte Fans von 2D-Brawlern! Kein Mega-Hit und nicht perfekt für Einzelkämpfer geeignet, aber wer sich gerne mal ein paar Freunde einlädt, um fiesen Kreaturen eins auf die Mütze zu geben und das eine oder andere Fantasy-Reich zu retten, dem sei das Dungeons&Dragons-Arcade-Duo wärmstens empfohlen! Aber erwägt eventuell, eure Wii U dafür auf Englisch zu stellen: Bereits auf dem Titelbildschirm mit der Meldung „Drücken Sie (+) drücken“ begrüßt zu werden, kann doch ein klein wenig als „Mood Killer“ fungieren...
- zwei spaßige Spiele in einem
- multiple Routen, nette RPG-Elemente
- viele moderne Zusatzgimmicks, Online-Multiplayer
- sehr spaßig im Mehrspielermodus...
- ...aber alleine deutlich schwächer
- im Kern simples Gameplay, kaum Abwechslung
- schnell durchgespielt
- mäßig einprägsamer Grafikstil
Vielen Dank an die Firma Capcom für die Bereitstellung des Testmusters.




