
Märchenstundengewinnspiel Platz 3
Nin-Ten-Do
Ich heiße Wiilli und ich möchte euch heute meine Geschichte erzählen. Alles begann damit, dass mein Leben keinen Sinn mehr machte. In der Schule wurde ich gemobbt, in meiner Familie kaum beachtet. Im Prinzip ein „Traum“ für jeden Jugendlichen. Alles wurde schlagartig besser, als mich eines Tages ein komischer alter Mann, der sehr an den Typen aus Karate Kid erinnerte, in meinem Garten besuchte. Er redete komisches Zeugs wie, dass ich die Kraft des „Nin-Ten-Do“ in mir hätte und so ein „Du bist der Auserwählte“ – Zeugs. Ich glaubte ihm natürlich zuerst kein Wort. Als ich dann aufgrund seltsamer Ereignisse von der Schule flog und meine Eltern bei einem Autounfall ums Leben kamen, war es genau jene Person, die mir wieder Sinn in meinem Leben gab.
Jener alter Mann, mit dem doch etwas komischen Titel und Namen „Sensei Leiste“ nahm mich bei sich auf und er lehrte mich die Kampf- und Mentaltechnik des „Nin-Ten-Do“. Von Woche zu Woche, von Tag zu Tag wurde ich immer besser und besser. Ich war jetzt kein Niemand mehr, zumindest fühlte ich mich so. Mein Leben hatte auf einmal wieder frischen Wind bekommen und ich war das erste Mal seit langem wieder glücklich.
Sensei Leiste trainierte mich wirklich hart. Er meinte noch immer, dass ich der Auserwählte sei und bald eine schwierige Entscheidung das Schicksal der ganzen Menschheit verändern könnte. Auch im Umgang mit den „Nunchuks“ wurde ich besser und nach intensivem Training schaffte ich es sogar, die Teile zu schwingen, ohne sie mir selbst auf den Kopf zu schlagen. Die Zeit verging wie im Fluge und der Tag der Entscheidung sollte bald anstehen.
Es war ein sonniger Freitagmorgen. Man konnte spüren, dass heute kein normaler Tag war. Zuviel Unruhe lag in der Luft. Auch die Blicke meines alten Meisters beunruhigten mich sehr, jedoch gab dieser keinen Laut von sich. Nach einiger Zeit hielt ich diese Atmosphäre und die besagte Stille nicht mehr aus und so beschloss ich, einen kleinen Spaziergang zu machen. Wie ich so den East Boulevard entlangschlenderte, wurde mir plötzlich ganz kribbelig im Bauch. Die Sonne schien sich zu verdunkeln und es wurde sehr frostig, obwohl Temperaturen um die 30 Grad herrschten.
Da stand auf einmal ein Mann vor mir. Ich hatte ihn vorher gar nicht bemerkt, aber das konnte auch daran liegen, dass ich gerade in meine Gedanken vertieft war. Ich wollte bei ihm vorbeigehen, aber er wies mich zurück und meinte: „Aaaah, endlich lerne ich dich kennen Wiili. So lange habe ich darauf gewartet dir gegenüberzustehen. Es tut mir leid wegen deiner Eltern, das war nicht so gemeint. Jedoch hast du heute die einmalige Chance dich uns anzuschließen. Uns, den So-Ny Kriegern, Wächter von Home.“
Mir gingen viele Fragen durch den Kopf: Woher kennt er meinen Namen? Was ist „Home“? Hat er etwas mit dem Tod meiner Eltern zu tun? Und noch ehe ich den letzten Gedanken fertigspinnen konnte, der noch immer dem Verkehrsunfall galt, kamen Gefühle des Zorns in mir auf. Ich griff, ohne Nachzudenken, den Fremden an. Eine leichtsinnige Entscheidung, wie ich im Nachhinein feststellen muss. Hatte ich doch meine Nunchuks zuhause liegen lassen. Der Gegner konterte natürlich geschickt, aber auch ich konnte seinen „Moves“ ausweichen.
„So hast du dich also entschieden. Du bist ganz schön tapfer! Leider wird das nun dein Ende sein!“, stöhnte der Unbekannte. Ich war schon sehr erschöpft und wusste nicht, ob ich noch vielen Attacken standhalten konnte. Da erinnerte ich mich an die Worte von Sensei Leiste: „Sei eins mit Nin-Ten-Do. Spüre das PLUS in dir!“. In einer kurzen Atempause schloss ich die Augen, um mich zu konzentrieren. Da durchströmte eine sonderbare Energie meinen ganzen Körper. Irgendwie spürte ich, dass ich nun kein Lehrling mehr war, sondern ein Meister, wie mein Sensei.
Ich setzte nun alles in meinen letzten Angriff und rief nochmals alle Attacken in meinem Kopf ab, welche ich über die letzten Monate gelernt hatte. Ich sprang also in die Luft und setzte meine Kombo an. Zuerste machte ich den „Nin-Ten-Dog“, dicht gefolgt von einer Drehattacke. Mein Gegenüber war vom plötzlichen Geisteswandel mehr als nur überrascht und trat die Flucht an. Völlig verschwitzt rannte ich zurück in unser Dojo und erzählte alles Sensei Leiste.
Dieser erzählte mir nun von der Prophezeiung: Wenn ich mich den So-Ny Kriegern angeschlossen hätte, wäre die Menschheit in eine Dunkelheit gefallen. Es würde keinen mehr geben, der sich gegen deren dunkle Machenschaften, die Welt in ein zweites „Home“ zu verwandeln, wehren hätte können. „Was ist Home?“, frage ich. „Home ist eine Welt, wo Menschen nur mehr Marionetten sind, gesteuert durch Werbung und Sinnesreize. Das eigene Ich würde keine Rolle mehr spielen, keine Gefühle, keine Ideen. Die Menschen würden nur mehr emotional tote Zombies sein, gesteuert von Lust und Gier. Diese Willenlosigkeit würde den „So-Ny Kriegern“ und deren Anhängern natürlich zur weltweiten Herrschaft verhelfen. Es würde keinen mehr interessieren, was sie nun im Schilde führen und alle nach deren Pfeife tanzen.“ Ich war geschockt vom Gehörten, aber ich war froh, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Ich war nur mehr Müde vom Kampf und wollte mich hinlegen. Doch davor musste ich noch eines wissen, nämlich was dieses PLUS ist. Sensei Leiste erklärte mir, dass PLUS mir ermöglichte, auf das Wissen aller bisherigen Meister zuzugreifen. Mit dessen Hilfe ist es möglich, alle Kampferfahrungen zu kombinieren, die bestmögliche Technik herauszufiltern und diese 1 zu 1 auf den eigenen Kampf zu übertragen.
Puuh, jetzt brummte mir der Kopf. Das ganze war einfach zu viel für mich. So beschloss ich, einfach einmal darüber zu schlafen. Immerhin hat sich mein Leben nun grundlegend verändert. Ich bin der Auserwählte und es kommen noch schwierige Zeiten auf mich zu.
von Reinhard Tober