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Märchenstundengewinnspiel Platz 2

Märchenstundengewinnspiel Platz 2

David

Wie Nintendo mir das Leben rettete

Ja, Nintendo hat mein Leben tatsächlich gerettet. Wirklich, ungelogen. Ich habe diese Geschichte schon oft erzählt und tu es immer noch gern, auch wenn ich weiß, dass mir kaum jemand Glauben schenkt. Und das war damals so: Ich war noch ein junges Mädchen, gerade einmal neun Jahre alt, und lebte in einem sehr behüteten kleinen Dorf auf dem Land. Wir hatten einen kleinen Bauernhof und ich hatte ein eigenes Pferd, Prinzessin. Dafür hatten wir sonst nicht viel; an Technik besaßen wir gerade einmal ein Telefon.
Prinzessin und ich ritten oft gemeinsam aus, besonders in diesem wunderschönen Sommer, in dem dies alles passierte. Manchmal trafen wir unsere beste Freundin Tina vom Reiterhof in der Nähe. Die meiste Zeit aber ritt ich mit Prinzessin alleine hinaus und genoss die milde Sommerluft, während wir durch die wunderschöne grüne Landschaft hinunter zum Baggersee ritten. Dort saß ich an so manchem lauen Sommerabend und sah zu, wie die letzten Sonnenstrahlen auf dem ruhigen See glitzerten. Und ich stellte mir vor, wie wunderschön es sein würde, hier alt zu werden.
Und so saß ich auch an diesem einen besonderen Abend dort am See und blickte hinaus. Ach, wie naiv ich damals noch war! Ich dachte, ich würde für immer dort sitzen, Prinzessin hinter mir am Baum festgebunden und das frische Gras rupfend, vor mir das glasklare Wasser des Sees und die Aussicht auf ein unbeschwertes Leben voller Pferde und Sommertage, und manchmal voller Prinzen und Schlösser und festlichen Kleidern.
Und dann war vor mir plötzlich nur noch eine große, grünlich-schwarze, schleimige, stinkende Säule. Eh ich begriff, was gerade geschehen war, bog die Säule sich zu mir hinab, und auf ihrem Ende saß ein scheußlicher Drachenkopf, genauso schleimig und grün, aber mit leuchtenden roten Augen und einem stinkenden Maul voller gelber, fauliger Zähne. Das Maul öffnete sich, als die schaurigen Augen mich erblickten, und ein fischiger Atem, heiß wie Feuer, blies mir ins Gesicht. Prinzessin wieherte laut auf und versuchte zu fliehen; ich hörte sie am Strick zerren, mit dem sie an den Baum gebunden war.
All dies passierte so schnell, so plötzlich, aber die Zeit schien damals stillzustehen, damit ich auch ja alles in mich aufnehmen konnte. Der Drache stieß einen zischenden, grässlichen Ton aus, als er seine lange, dünne, gespaltene Zunge vor seinem Gesicht tänzeln ließ. Hatte er mich nicht gesehen? Ich wagte nicht zu atmen, bewegte keinen Muskel. Ich war wie eingefroren, genau wie die Zeit. Mein Puls war das einzige, was nicht stehengeblieben war, und ein paar Momente vergingen in grausamer Stille, in der nichts passierte. Meine Ohren pochten, hoffentlich konnte der Drache sie nicht hören.
Und dann plötzlich regte sich der Drache. Als habe er für einen Moment vergessen, warum er da war, und so als habe er sich nun gesammelt und kehre zu seiner Aufgabe zurück, schoss er mit einer blitzschnellen Bewegung, so geschmeidig wie seine glitschige Haut, mit seinem Kopf zurück und besah mich von oben, bevor er mit geöffnetem Maul wieder hervorschnellte und mich packte! Ich hatte mich in der Schrecksekunde einen Schritt zurückbewegt, sonst hätte er mich in Stücke gerissen! So erwischte er meinen Arm, und ein heißer, stechender Schmerz durchfuhr mich, als er mich an meinem Arm emporhob und mit einer weiteren blitzschnellen Bewegung mitsamt mir im Maul ins Wasser abtauchte.
Ich hatte gerade noch eine Sekunde Zeit, um Luft zu holen, da spürte ich schon um mich das eiskalte Wasser; dies konnte nicht der See sein, in dem ich die Tage zuvor noch geschwommen war!
Das Wasser war kalt und schleimig und schwarz wie der Tod. Ich sah nicht, wie schnell wir tauchten oder wie tief, oder gar wohin. Ich betete, aufzuwachen und alles nur geträumt zu haben. Ich war wütend, weil dieser Drache soeben meine Sommerträume zerstört hatte. Und wenn ich nun auch noch ertrinken müsste, wäre das einfach nur noch unfair!
In meiner Wut trat ich so fest ich konnte unter mich, und mein Fuß traf einen weichen Widerstand… das Auge des Drachen! Zu meinem unfassbaren Glück ließ dieser mich vor Schreck los, und ich strampelte und schwamm so schnell ich nur konnte, auch wenn mein Arm gequält aufschrie und mir Tränen in die Augen getrieben hätte, wäre ich nicht von dieser schwarzen Eisbrühe umschlossen gewesen.
Endlich erreichte ich die Oberfläche und saugte gierig die kalte Luft ein. Kalte Luft? Ich schlug die Augen auf und konnte ihnen nicht glauben: Nirgends war der laue Sommerabend, nirgends das Ufer mit den grünen Wiesen und Prinzessin, die unter dem Baum auf mich warten sollte. Um mich war… nichts als Wasser! War ich denn auf dem offenen Meer? Im Himmel war kein einziger Stern zu sehen.
Und wieso war es so dunkel geworden?
Hinter mir schoss der Drache aus dem Wasser hervor. Es war zu spät. Er holte aus und wollte nach mir packen, da gab es einen blendend hellen Blitz aus gleißendem Licht am Himmel. Als ich die Augen wieder öffnete, sah ich nur noch helle Punkte vor Augen, das Licht hätte mich ja beinahe blind gemacht!
Den Drachen hatte es anscheinend ebenfalls stark geblendet, er taumelte und wand sich hin und her. Und dann kam aus dem Himmel etwas herabgeflogen. Es war grau und kastig und trug ein Cape, das im stürmischen Wind flatterte. Es hatte lange, spindeldürre Tentakelarme, die in dicken fingerlosen Händen endeten. So etwas hatte ich noch nie gesehen!
Es flog zu mir her und ich erkannte, dass es etwas im Rücken stecken hatte! Es war die seltsamste Kreatur, die mir je begegnet war und habe seitdem nichts gesehen, das merkwürdiger gewesen wäre. Sein Kopf war auch gleichzeitig sein Körper, und es hatte einen harten Panzer, wie eine Krabbe. Zwischen seinen Augen hatte er eine breite Nase, auf der „eject“ aufgedruckt war, was auch immer das zu bedeuten hatte. Und direkt dahinter steckte ihm also etwas aus dem Rücken.
War es etwa verwundet? Es sah mich mit schwarzen Knopfaugen an, aber ich konnte keinen Ausdruck darin lesen, und einen Mund sah ich auch nicht. Doch genau in dem Moment sprach es zu mir!
„Hab keine Angst! Ich werde dir helfen!“ rief es mir zu. „Halt dich an mir fest!“ Ich griff verwundert und verwirrt um meinen Retter und hielt mich so fest ich konnte. Mein Arm dankte es mir mit einem neu aufflammenden Schmerzstich, doch kaum hatte ich ihn um meinen fliegenden Retter gelegt, sagte dieser: „Hier, iss das, dann wird es dir besser gehen!“
Und mitten aus dem Himmel regnete es einen Pilz! Es war einer von denen, die ich bloß niemals essen durfte, das hatten meine Eltern mir verboten, weil sie giftig seien. Aber ich vertraute dem fliegenden Panzertier und griff nach dem Pilz, um ihn zu essen.
Kaum hatte ich den Pilz berührt, verschwand er! Ich hatte ihn in meine Finger aufgesaugt! Mein Arm war geheilt und mehr noch, ich fühlte mich direkt größer und stärker und mutiger!
Der Drache wirbelte derweil noch immer wild umher und schnappte mit seinem schauderhaften stinkenden Maul um sich, im Versuch, mich oder meinen Retter zu zerfleischen. Aber wir schwebten über ihm und außerhalb seiner Reichweite.
„Das Geheimnis des Drachen ist ein leichtes!“ sprach nun der fliegende Kastenkrebs zu mir. „Du musst ihm auf den Kopf springen!“
Ich hatte an diesem Abend genug merkwürdige Dinge erlebt, um keine Fragen zu stellen, und machte mich sogleich zum Sprung bereit. Ich sprang hinab, und tatsächlich landete ich mitten zwischen diesen zwei leuchtenden Augen, die wie zwei brennende Leuchttürme die pechschwarze Nacht aufhellten.
Ein markerschütternder Schrei, so laut, dass ich dachte, meine Trommelfelle platzten, entfuhr dem scheußlichen Schleimdrachen. Er ließ sich der Länge nach wieder ins Wasser gleiten und war verschwunden; ich blieb scheinbar allein im Eismeer zurück.
Der Superkasten flog herab zu mir und umgriff mich mit seinen seltsamen langen, dünnen Tentakelarmen. „Sehr gut! Du hast es geschafft! Ich werde dich nun erst einmal aus dieser scheußlichen Welt retten und dir dann alles erklären!“
Und gesagt, getan, gab es einen weiteren hellen Blitz und ich fand mich im hellen Sommerabend-Licht wieder. Da war der Baggersee, MEIN Baggersee, und da war auch Prinzessin, die mich mit riesigen Augen anstarrte.
Ich war klatschnass und voller grünem Algenschleim. Mein Ärmel war zerrissen und meine Haare verknotet. Der Kasten-Held sah mich von oben bis unten an. Dann sagte er: „Ich könnte dir erklären, was du eben erlebt hast und könnte dir sagen, wieso ausgerechnet du dort hineingeraten bist. Es gibt tausende Gründe, wieso du diesen Drachen besiegen musstest und warum gerade du die Auserwählte bist. Aber das würde alles viel zu lange dauern, darum begnüge dich mit dieser Antwort: Du warst nötig, um den Drachen zu besiegen, und weil er das wusste, wollte er dich vorher selbst umbringen. Fürs Erste ist er besiegt, aber er wird wiederkommen, und wenn er zurückkehrt, wird er tausendfach stärker sein als heute. Und wenn er dich holen kommt, wird er einen besseren Plan haben und er wird dich kennen.“
Ich hörte mir all das mit offenem Mund an. Noch immer tropfte schleimiges Eiswasser aus meinen Haarspitzen, das alles war viel zu aufregend gewesen und gerade eben passiert. War das alles WIRKLICH gerade eben passiert?
Ich sah dem Kastenwesen nun zum ersten Mal richtig in seine Knopfaugen. Ich betrachtete ihn zum ersten Mal genauer; nun, da wir im Licht waren, konnte ich ihn in all seinen Details in mich aufnehmen. Da war so viel Seltsames an ihm. Seine „eject“-Nase, seine Tentakelarme.
Seine Hände waren die seltsamsten, die ich jemals gesehen hatte. Und nun sah ich, dass es ein Tattoo im Gesicht trug. Dort stand „Nintendo“ und darunter „SUPER NINTENDO“ und darunter stand auch noch etwas, „Entertainment System“. Das Cape, das ich nun erst richtig erkennen konnte, war leuchtend rot, und derselbe Schriftzug „Nintendo“ prangte darauf. Ich drehte das Wort in meinem Kopf hin und her, und schließlich sprach ich es leise aus, vielleicht, um mir den Klang genauer vorstellen zu können. „Nintendo…“ „Du kennst meinen Namen?“ Die schwarzen Knopfaugen leuchteten auf.
„Nein, ich – ich habe nur gelesen.“ Es tat mir leid, meinen Erretter so enttäuschen zu müssen. Aber dieses seltsame, fremdländische Wort war mir zuvor noch nie begegnet.
Das Nintendo schien nicht gekränkt zu sein, stattdessen beugte es sich ein wenig vor, dass ich es besser betrachten könne. Ich streckte meine Hand aus, vorsichtig, und berührte seine Stirn. Sie fühlte sich hart und ein wenig rau an. Ich streichelte ein wenig darüber und konnte dann meine Neugierde nicht länger zurückhalten. Ich berührte seine Nase. Mit einem lauten Klonk-Geräusch sprang das Etwas, was ihm im Rücket steckte, heraus. Erschrocken griff ich danach und hielt es fest. Aber das Nintendo lachte und sagte: „Schau ruhig.“ Und ich betrachtete, was ich da gerade in den Händen hielt.
Ich versprach dem Nintendo, nicht darüber zu sprechen, was ich dort las, also werde ich das hier auch nicht tun. Aber es erklärte mir anschließend sehr lang und ausführlich, was das ganze mit mir und meinem Schicksal zu tun hatte.
Ich musste an diesem Abend unter diesem Baum, unter dem noch immer Prinzessin wartete und ahnungslos graste, schwören, mich vorzubereiten auf den Kampf zwischen Gut und Böse, auf das Letzte Gefecht. Eines Tages, so wusste ich nun, würde der Dache wiederkehren, und es war meine Pflicht, um jeden Preis vorbereitet zu sein. Ich würde nicht eher ruhen bevor ich nicht die letzten Trainings beendet, die letzten Drills überstanden hatte. Das Nintendo nickte zufrieden, und seine Knopfaugen schlossen sich. „Nun liegt alles in deinen Händen“. Dies waren die letzten Worte, die es jemals sprach. Seine Augen verhärteten sich, sein letzter Atem entwich, und das Cape löste sich und flatterte mit dem Wind in die Wolken davon. Ich sah es niemals wieder. Ich saß einen Moment lang still da, mit dem Nintendo in meinen Händen. Dann stand ich auf, band Prinzessin los und ritt heim.
Am Abend bekam ich den Ärger meines Lebens, denn meine Eltern wollten mir nicht glauben, was passiert war! Stattdessen dachten sie sich irgendwelche Lügengeschichten aus, in denen ich sehr schlecht dastand. Aber ich kannte ja die Wahrheit, und ich wusste auch, was meine Pflicht war.
In den nächsten Tagen brachte ich Prinzessin zu meiner Freundin Tina an den Hof und verkaufte sie. Von dem Geld bezahlte ich einen Fernseher und ein paar Spiele. Nintendo, den ich in dieser einen Nacht so liebgewonnen hatte, wurde nun mein Mentor und Trainer, und ich sollte fortan täglich Stunden über Stunden üben, die Welt zu retten. Drachen zu töten. Held zu sein.
Meine Familie und Freunde verstanden nicht die Wichtigkeit meiner Aufgabe. Sie glaubten nicht, dass ich die Auserwählte bin. Aber sie sind nur eine weitere Probe, auf die ich gestellt werde, in meinem Leben als Weltretter und Held. Und ich trainiere weiter. Tag um Tag. Denn ich weiß, eines Tages wird der Drache zurückkehren. Aber ich werde vorbereitet sein.

von Ute Ziegenhagen

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