
Märchenstundengewinnspiel Platz 1
Gaming einmal anders
Es war einmal …
„... eine frustrierte Gamerin, die am Samstagmorgen aufwacht, alleine zu Hause ist und anstatt einer Zockorgie nach allen Regeln der Kunst das Aufräumen ihres Zimmers vor sich hat.“, murmelte ich gähnend und widerwillig, als ich in meinem Bett erwachte und an das grausame Wort dachte, dass meine Mutter als Konsequenz bei Nichterfüllung der genannten Pflicht verwendet hatte: Spielverbot. Als ich beim Aufstehen meine Kopfschmerzen bemerkte (Vielleicht hätte ich doch nicht bis vier Uhr in der Früh an der Lösung dieses Rätsels bei meinem aktuellen Handheld-Favorit hängen sollen? … ach was!), wuchs meine Begeisterung schier ins Unermessliche. Schlurfenden Schrittes machte ich mich auf den Weg ins Bad und fragte mich dabei, ob nicht sogar das Rausbringen des Mülls mit der richtigen Musik im Ohr zu einem atemberaubend-epischen Vorgang werden konnte.
Im Bad schaute mich mein Spiegelbild grimmig an und ich blinzelte missmutig zurück.
„Spar dir den Blick für den nächsten Endgegner.“, belehrte ich es, während ich anfing, mir die Zähne zu putzen.
Ein leises, böses Lachen – „Hey, ich lass mich nicht von dir auslachen!“, fuhr ich mein Spiegelbild wütend an, doch noch während ich das aussprach, fiel mir auf, dass hier wohl kaum mein Spiegelbild der Ursprung gewesen sein konnte. Als sich das Geräusch wiederholte, fror ich regelrecht in meiner Position vor dem Waschbeckenspiegel zu und rührte mich kein Stück mehr.
Ich kannte dieses Lachen. Aber in diesem Moment war es das Letzte, das ich kennen wollte.
Im Spiegel vor mir, den ich gebannt anstarrte, erschien gemäßigten Schrittes eine wohl bekannte Gestalt. Als ich meine dunkle Vorahnung bestätigt sah, riss ich die Augen erschrocken auf und schluckte versehentlich die ganze Pfefferminz-Zahnpasta herunter. Taumelnd drehte ich mich um und hustete ein klägliches, aber gewiss frisch riechendes „Wa-wa-machsuu-hi-hier-?!“ heraus.
Mein Gegenüber ließ mir Zeit, mich ordentlich auszuhusten und mehr oder weniger zu fangen.
Dann stand ich da und starrte ihn an, während mein Gamerverstand sich aktivierte und die Situation analysierte: Wie groß würden meine Chancen wohl sein, ausgerüstet mit einem schmuddeligen Schlafanzug, Pfefferminz-Atem und einer angesabberten Zahnbürste in der Hand?
Wenn ich es als die geheime Superausrüstung, den Killer-Pfefferminz-Atem und die Zahnbürste des Grauens ausgeben könnte, dann … ja, dann stiegen meine Chancen vielleicht um 0,1%, gegen Ganondorf höchstpersönlich anzukommen.
Denn genau dieser stand gerade in meinem Badezimmer und grinste mich mit seinem typischen Bösewicht-Ausdruck an. Hilfe. Wie war das jetzt passiert?!
Der Großmeister des Bösen indessen setzte ein Bein lässig auf dem Toilettendeckel ab, stützte sich darauf ab und lachte noch einmal leise (und wenn ich nicht gerade im tiefsten Inneren mein Testament durchgegangen wäre, dann hätte diese Pose vermutlich doch irgendwie dazu geführt, dass sein imposanter Auftritt einiges an Glaubwürdigkeit verloren hätte).
„Interessant. Höchst … interessant.“, verkündete er schließlich mit tiefer, grollender Stimme.
Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wovon er sprach, und ich war mir nicht sicher, ob ich es wissen wollte. Aber das war ohnehin nicht meine Entscheidung, und schon sprach Ganondorf weiter: „Du da.“, sagte er, als hätte er mich gerade erst bemerkt.
„J-ja?“, hauchte ich stimmlos.
„Erzähl mir etwas über diese Welt.“
Wie bitte? Was wollte er denn jetzt von mir? In meinem Kopf herrschte totales Chaos.
Während ich in diesem nach Worten suchte, fiel mein Blick auf das Fenster.
„Also, ich, äh … also … es … ist sonnig, aber kühl und für die nächsten Tage ist Regen angesagt.“, brachte ich schließlich hilflos hervor. Okay, das war's. Er hat dir die Chance gelassen, die Situation in den Griff zu kriegen und du redest vom Wetterbericht. Gleich wirst du gegrillt. - und diese Worte meiner inneren Stimme schienen wahr zu werden, denn Ganondorf verengte bereits die Augen zu Schlitzen und brachte mich allein mit seinem Blick fast um. Ich schluckte, wich zurück und drückte mich an die Wand neben dem Fenster. Ganondorf machte einen bedrohlichen Schritt auf mich zu.
„Ich habe dir die Chance gelassen, aber du-“
„Ja, das hat meine innere Stimme auch schon gesagt.“, nickte ich zustimmend, wenn auch angsterfüllt. Dieser Einwurf stimmte Ganondorf jedoch nicht glücklicher, im Gegenteil.
Mit erhobener Hand kam er auf mich zu („Bitte, ich werde mein Zimmer ab jetzt immer pünktlich aufräumen“, flehte ich innerlich verzweifelt), stieß dabei Klopapierpackungen und den Wäschekorb um („Und ich muss das wieder aufräumen, na toll ...“) und – hielt inne. Wir beide wurden gedanklich vollkommen aus der Situation gerissen, als vor dem Fenster mit einem Mal ein Geräusch immer lauter wurde. Mit einem Blick hinaus wurde der Ursprung klar, und wenn nicht gerade Ganondorf in meinem Badezimmer erschienen wäre, dann hätte ich es sicherlich auch seltsam gefunden, dass nun ein Helikopter vor demselben in der Luft schwebte und ein hektisch winkender Mann darin mir bedeutete, zu ihm zu kommen.
Ja, richtig. Was genau das hieß, wurde mir auch erst klar, als ich voller Erleichterung das Fenster aufgerissen hatte und drei Stockwerke hinunter blickte. Doch nun war schnelles Handeln gefragt, denn Ganondorf hatte sich bestimmt bereits von seiner Starre erholt und ich konnte seine nach mir greifende Hand hinter mir förmlich spüren. Und so hüpfte ich mehr schlecht als recht auf die Flugmaschine meiner Rettung zu und musste von zwei Insassen auf einmal gefangen, festgehalten und hinein gezogen werden, damit ich, panisch strampelnd, nicht den Abflug nach unten antrat.
Kurze Zeit später hatten wir auf einem Feld in der Nähe gelandet. Mir steckte der Schrecken noch in allen Knochen und ich atmete schwer, sodass ich den aufgeregten und von zahlreichen, teils überschwänglichen Gesten begleiteten
Ausführungen meines Gegenübers nicht ganz folgen konnte, auch wenn er mich dabei mit noch so großen Augen ansah. Na ja, vielleicht lag es auch ein ganz klein bisschen daran, dass ich das Gefühl hatte, mit den Originaltiteln sämtlicher jemals erschienener Manga bombardiert zu werden. In meiner Verwirrung versuchte ich in den ersten Momenten tatsächlich noch, dem Redeschwall zu folgen, als mir dann aber auffiel, dass ich gar kein Japanisch sprach, konzentrierte ich mich darauf, die Person vor mir zu identifizieren.
Hier sollte ich wesentlich mehr Erfolg haben, denn es braucht nicht allzu weit reichendes Wissen als Nintendofan, um zu wissen, wer dieser Mann war, der gerade seinen Vortrag beendet hatte und mich nun entsprechend erwartungsvoll und mit in irgendwelchen Gesten verharrten Armen anblickte.
„Shigeru Miyamoto?“, staunte ich mit großen Augen und der Mund blieb mir offen stehen. Mr. Miyamoto konnte meine Begeisterung nicht ganz teilen, er ließ ob meiner Ignoranz seiner Worte wie eine enttäuschte Comicfigur die Arme fallen und seufzte mit gesenktem Blick. Nun stieß eine zweite Person hinzu, der scheinbar klar gewesen war, dass man Mr. Miyamoto in seiner aufregenden Erzählung nicht hätte bremsen können.
Ich erkannte diesen Mann genauso unschwer als Satoru Iwata, der dem verzweifelt wirkenden Mr. Miyamoto nun beruhigend die Hand auf die Schulter legte. Er sprach ein paar Worte und augenblicklich hellte sich die Miene seines Begleiters auf. Dann holten die beiden eine kleine, grüne Gerätschaft hervor. Neugierig betrachtete ich es. Ich kannte dieses Ding!
Es war der Tingleceiver aus The Legend of Zelda – The Wind Waker, mit dessen Hilfe man im Spiel mit Tingle in Verbindung treten konnte (vorausgesetzt, man hatte irgendwen dank freundlicher Drohungen dazu gebracht, die Rolle des kleinen grünen Mannes zu übernehmen, wenn man nicht gerade Selbstgespräche mit dem Ding führen wollte). So weit, so gut. Mir leuchtete nur irgendwie nicht ein, warum Shigeru Miyamoto und Satoru Iwata in einer Situation wie dieser, auf einem Feld irgendwo im Nirgendwo, neue Merchandising-Ideen austauschen mussten. Diesen Eindruck machte zumindest ihr nachfolgendes Getuschel und hektisches Herumdrücken auf dem Gerät.
Umso größer war mein Erstaunen, als dieses zu leuchten begann und unter den zufriedenen Blicken der beiden Nintendogrößen drei Gestalten wie aus dem Nichts auftauchten.
Ganz ehrlich, mich konnte mittlerweile nichts mehr schocken. Obwohl … oh – mein – Gott.
Nicht weniger aus der Fassung gebracht schienen Mario, der gerade ein imaginäres Kart lenkte, Link, der sein Master Schwert gegen einen nicht existenten Gegner richtete und Donkey Kong, der statt in eine leckere Banane nun in seinen eigenen Gorillafinger biss.
Während Link und DK (letzterer unter schmerzerfülltem Aufheulen) orientierungslos an ihrem Erscheinungspunkt verweilten, kam Mario auf die beiden Japaner zu. „It'se me, Marioo!“, rief er aus und verbeugte sich mit abgenommener roter Kappe. Mr. Miyamoto verschwendete keine Zeit und startete einen neuerlichen japanischen Redeschwall, mit dem Unterschied, dass Mario jedes einzelne Wort zu verstehen schien. Er nickte immer wieder ernst und als sein Urvater geendet hatte, drehte er sich zu mir um. Fragend sah ich ihn an.
„It'se me, Marioo!“, begann er und ich nickte dazu. „Ja, so weit waren wir schon.“
„Tute mir Leid, iste eine schlechte Angewohneheit.“, entschuldigte er sich mit ordnungsgemäß italienischem Akzent. Dann fuhr er fort: „Miyamoto-san sagt, es hat eine grroßes Problemo gegeben. Die Freunde von Linke hier wollten einen Mann namens Ganondorfe verbannen in der neuesten Entewickelung von Miyamoto-san, doch dabei iste irgendetwas schiefe gelaufen. Und nun iste dieser Ganondorfe in dieser Welt gelandet.“
„Ja, das hab ich gemerkt.“, wusste ich dazu nur zu sagen und konnte mir einen Ton des Vorwurfs nicht ganz verkneifen.
„Und nune sollen wir diesen Ganondorfe besiegen.“, fügte Mario noch hinzu.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nur zuhörend genickt, doch nun überkam mich ein krampfhaftes Kopfschütteln. „Wa-wa-WAS?“ Ich sah den rotmützigen Klempner entgeistert an.
„Und warum macht Miyamoto-san das nicht gefälligst selbst?!“
Mario erhob in halb mich beruhigender, halb sich selbst vor mir schützender Geste die Hände.
„Er sagt, ese tut ihm aufrichtigemente Leid, aber er muße sich mit Iwata-San um die Werbunge fur den 3DS kummern.“
Mir klappte der Mund auf. Doch noch bevor ich mich beschweren konnte, hatten sich Mr. Miyamoto und Mr. Iwata schon eiligst in ihren Helikopter zurückgezogen, der somit startklar war und im nächsten Moment abhob. Das konnte doch nicht ihr Ernst sein!?
Mario klopfte mir aufmunternd auf die Schulter. „Keine Sorge. Linke, DK und me kriegen das schon hin.“ Na ja, irgendwo war es ja doch ein Trost, dass drei der größten Videospielhelden aller Zeiten auf meiner Seite waren. Die Frage war nur, ob diese drei Wagschalen-Gewichte das Ganondorf-Gewicht auf der anderen Wagschale ausgleichen, oder besser noch, übertreffen konnten.
„Wie kommt ihr überhaupt hierher?“, fragte ich stirnrunzelnd, während ich merkte, dass meine Kopfschmerzen von vorhin noch immer da waren (aus einem schwerlich auszumachenden Grund war ich wohl davon abgelenkt gewesen) und sich nun stärker meldeten.
„Dase kann ich nichte verraten, tute mir Leid. Iste grroßes Firmengeheimnis von Nintendo.“
„Sie haben also ein Gerät, mit dem man ...?“
„... ich habe nixe verraten!!“
„Keine Sorge, so viel Verstand habe ich gerade noch selbst.“, beruhigte ich Mario.
„Wir haben jetzte sowieso eine anderes Problemo.“, merkte er an und rief die beiden anderen Neuankömmlinge zu sich, die bisher nur das Geschehen verfolgt hatten.
Resignierend beschloss ich, das Beste aus der Situation zu machen und stellte mich vor.
„Hyaaah!!“, rief Link laut und fuchtelte mit seinem Schwert herum, als würde er einen Angriff ausführen.
„Äh …?“, machte ich irritiert und wich einen Schritt zurück.
„Linkes Vertrag mit Nintendo verbietet es ihme, richtigamente zu sprechen.“, erklärte Mario dazu.
Link nickte unterdessen und hob ein Blatt Papier hoch, auf dem mit krakeliger Schrift „Sorry“ stand. Ich merkte, wie das Pochen in meinem Kopf stärker wurde.
Donkey Kong hatte mittlerweile das Interesse für seinen schmerzenden Finger verloren und legte seine mächtige Gorillahand auf seinen Bauch. „Donkey Hunger.“, stellte er fest, sah mich dann an und fügte ein „Du Banana?“ hinzu.
Ich fasste mir an den schmerzenden Kopf und schloss die Augen. Okay, Pause. Zusammenfassung. Der Großmeister des Bösen in meinem Badezimmer, Satoru Iwata und Shigeru Miyamoto in einem Helikopter vor meinem Fenster, … und nun ein Klempner, ein begriffsstutziger Schwertkämpfer und ein bananenvernarrter Affe, um das Ganze wieder in Ordnung zu bringen. Verdammt, ich habe doch nur einen gemütlichen Zocksamstag gewollt! SO habe ich das nicht gemeint!
Augen auf, weiter geht’s. Wir brauchten einen Plan. Grübelnd ging ich vor den drei Helden auf und ab. „Okay, was haben wir? Diverse Tritt- und Boxtechniken, das Master-Schwert, die Kraft eines Gorillas … wir könnten … oder aber auch … oder vielleicht … mh, nein ...“, murmelte ich dabei vor mich hin, während die übrigen Anwesenden regungslos dastanden und mit den Augen meinen Gang verfolgten.
„Wie wäre es, wenne wir einfach male hingehen und ese versuchen?“, schlug Mario schließlich vor, als ich das gefühlte hundertste Mal an ihm vorbeigestapft war.
Ich stöhnte entnervt. „Und wie sollen wir das anstellen?“
„Wir nehmen Fass von DK.“, warf DK in diesem Moment ein und hielt mir eins der berühmten Fässer aus den DK-Spielen entgegen, die einen durch die Gegend katapultierten.
Ich blinzelte ein paar Mal ungläubig. „Wo hast du das denn jetzt her?!“
„Nix gut?“
„Doch, doch!“, rief ich eilig, aus Angst, dieses hilfreiche Utensil würde so schnell wieder verschwinden, wie es aufgetaucht war. Mittlerweile war ich zu dem Schluss gekommen, dass ich im Moment einfach alles hinnehmen und nicht hinterfragen sollte. Denn Sinn machte das Ganze schon lange nicht mehr, wenn es das überhaupt je gemacht hatte.
DK richtete bereits fleißig das Fass aus, sodass wir bald bereit waren, uns damit in mein Badezimmer katapultieren zu lassen.
„Okay, alle bereit?“, fragte ich in die Runde, bevor es losging.
„It'se me – ahh, iche meine: Ja!“
„Hyaaah!“
„Uh, Banana!“
Ich wertete diese Antworten einfach mal als Zustimmungen und gab wortwörtlich den Startschuss für das (eigentlich ja nicht) geplante Unterfangen. Nach diversen „Hyaahs“ und „Wuhuuus“ waren wir dann auch alle schnell im Badezimmer angekommen.
Ganondorf war hier natürlich längst nicht mehr anzutreffen. Es hätte mich allerdings auch stark gewundert, wenn er sich mit Toilettenpapier und Handtüchern dauerhaft hätte beschäftigen können, so fremd ihm hier so einiges wohl auch war.
Damit ich nicht völlig ohne irgendetwas dastand, schnappte ich mir den Besen aus der Ecke des Raumes und hielt ihn in mehr oder weniger gefährlicher Position vor mir. Dann presste ich mich mit dem Rücken an die Wand neben der Tür, öffnete diese vorsichtig und versuchte, anhand von möglichen Geräuschen Ganondorfs Aufenthaltsort
auszukundschaften. Doch mein Vorhaben wurde jäh unterbrochen, als DK mit aufgerissenen Augen aus dem Raum trabte und mit „DK riecht Bananen!!“ in Richtung Küche verschwand. „Ungh“, machte Link, als ob er gerade am Rand einer Klippe hinge. „Ja, das trifft's“, wusste ich nur hinzuzufügen, bevor ich hinter DK herlief.
Mario und Link kamen hinter mir her und zu viert sahen wir uns nur allzu bald Ganondorf gegenüberstehen, der gerade genauestens den Kühlschrank inspizierte. Als wir in den Raum geschlittert waren, hatte er sich überrascht, aber schnell wieder mit einem bosartigen Grinsen im Gesicht zu uns umgedreht und musterte uns nun durchdringend. „Du da.“, sagte er schließlich und verwunderlicherweise wusste ich sofort, dass er mich meinte.
„Was hat es mit diesem eistempelartigen Gefäß auf sich?“
Ich sah ihn perplex an. Eistempelartiges Gefäß …?
„Nun, zumindest reagiert mein Teil des Triforce nicht darauf ...“
Jetzt konnte ich nicht mehr anders, als leicht zu lachen.
„Ganondorf, du machst diese wirklich verrückte Situation noch einen Tick abstrakter.“
Doch im nächsten Moment verging mir das Lachen, denn Ganondorf setzte ob meiner provokanten Reaktion wieder den Ich-zerfetze-dich-in-der-Luft-Blick auf. Viel zu schnell wurde mir wieder bewusst, in was für einer Situation wir uns befanden.
Ganondorf brauchte keine zwei Sekunden mehr, um eine Kugel finsterster Schattenmagie in seiner Hand aufzuladen und sie auf uns loszuschicken. Ein „Hyah!“ später war Link zur Stelle und schlug das magische Geschoss gekonnt zurück. Zum Glück hatten wir eine einigermaßen große Küche mit Platz für einen Essbereich, ergo mit Platz für ein Tennisspiel nach Zelda-Art. Nach einigem Hin und Her war Ganondorf von seinem ursprünglich eigenen Geschoss getroffen und sank zu Boden. „15 – 0“, jubelte ich kommentierend, doch der Großmeister des Bösen hatte sich noch in keinem Endgegnerkampf durch einen einzigen Treffer niederringen lassen. Und so richtete er sich geschwind wieder auf und formte bereits die nächste Schattenkugel. Na ja, dachte ich bei mir, er hat schon in den Spielen nie verstanden, dass er sich damit sein eigenes Grab schaufelt.
Dieses Mal jedoch zielte unser Gegner auf DK, der bisher, wie auch Mario und ich selbst, noch tatenlos im Raum herumgestanden hatte. Schnell sprang er zur Seite und gab die Bahn für den Angriff frei, der damit geradewegs auf den Geschirrschrank zuraste. „Neeeeiiiiin!“, schrie ich entsetzt auf und sprintete los. Nicht das Porzellan meiner Mutter! Wenn Ganondorf mich hier nicht erledigte, dann würde es spätestens meine Mutter tun, wenn sie ihr heißgeliebtes Geschirr zersplittert auf dem Boden wiederfand. Und so streckte ich in einer heroischen mehr-fallen-als-springen-Pose den Besen in die Bahn des magisches Geschosses. Aber ein Besen ist nun mal kein Master-Schwert und das einzige, was man damit herumschleudern kann, ist in den Borsten hängengebliebener Staub. Zumindest aber erreichte ich, dass der Angriff statt am Geschirrschrank schon am Besen detonierte, welcher der Kraft Ganondorfs hoffnungslos unterlegen war und sich nun in Splitterform im Raum verteilte.
Ganondorf ließ sich davon in keinster Weise beeindrucken und bereitete sich schon auf den nächsten Angriff vor. Doch gerade, als er ihn abschießen wollte, flog ihm auf einmal gezielt eine Bananenschale ins Gesicht. DK, über die Obstschale gebeugt, schmatzte noch genüsslich und gab beim Anblick seines Ziels ein dröhnendes Affenlachen von sich. Die Sekunden der Irritation bei Ganondorf waren zu zahlreich für den bereits angesetzten Angriff und das Geschoss detonierte in seiner eigenen Hand. Wieder sank er zu Boden. Während die Bananenschale schlaff von seinem Gesicht rutschte, sah er mit mordlustigem Blick zu uns herüber.
„Was glaubt ihr eigentlich, wer ihr seid?“, flüsterte er drohend.
„It'se me, Marioo!“
„Wage es nicht, dich über mich lustig zu machen!“, brüllte Ganondorf nun und sprang geradezu auf Mario zu, der jedoch um einiges flinker war als sein Gegner und den mächtigen Hieben von Ganondorfs Schwert stets ausweichen konnte. So jagte der Großmeister des Bösen den bemützten Klempner quer durch die Küche, bis der perfekte Augenblick gekommen war – der nämlich, in dem Mario mit einem Mal zur Seite springen konnte und somit Platz machte für Link, der sich bereit gemacht hatte für den entscheidenden Hieb mit dem Master-Schwert, womit Ganondorf in seiner Raserei in dem Moment nicht gerechnet hatte.
Ein merkwürdiger Moment der Stille entstand, in dem alle Augen auf das Master-Schwert gerichtet waren, welches Ganondorf in eine erstarrte Haltung getrieben hatte.
Dann wurde der Großmeister des Bösen vor unseren Augen in eine dunkle Rauchwolke eingehüllt und als diese sich mit der Zeit auflöste, war auch unser Gegner verschwunden.
„Ungh“, machte Klippenhänger-Link und blickte ernst drein.
„Iche glaube, was er sagen will, iste, dass Ganondorfe zwar nun wieder in der anderen Welte ist, aber dass er sicherlichemente wieder dort auftauchen wird.“, übersetzte Mario mir diese Reaktion.
„Ja, das kennen wir ja von ihm. Der kommt immer wieder.“, meinte ich dazu nur und dachte an die Vielzahl der bisherigen Zeldagames.
„Also dann, … vielen, vielen Dank für eure Hilfe. Ihr habt mir echt das Leben gerettet!“
Schließlich – nachdem auch die Küche wieder in Ordnung gebracht und der Besen ordnungsgemäß entsorgt wurde – war der Moment des Abschieds gekommen.
„Hya“, lächelte Link und winkte, während DKs Augen ganz auf die Bananen gerichtet waren, die ich ihm zum Dank geschenkt hatte und Mario mir freundlich die Hand schüttelte.
„Passe auf diche auf.“, sagte er noch, bevor die drei vor meinen Augen so plötzlich wieder verschwanden, wie sie aufgetaucht waren.
Gerade rechtzeitig, wie sich herausstellte, als ich auf der Straße unser Auto ausmachte, das kurze Zeit später in der Garage stand.
Als meine Mutter erwartungsgemäß nach einem kurzen Blick in mein Zimmer das gefürchtete „Spieleverbot“
verhängte, konnte ich nur milde lächeln. Ich hatte für heute erstmal genug Zockerlebnisse, bzw. war ich mir noch nicht sicher, ob ich diese als merkwürdigen Traum oder als ziemlich entrückte Realität begreifen sollte (oder vielleicht doch als Halluzinationen als Konsequenz des Schlafmangels?). Und mein Zimmer aufzuräumen erschien mir auf einmal wie das leichteste auf der Welt. „Ich mach's sofort, Mum, ich muss nur eben eine Kopfschmerztablette aus meinem Inventar benutzen.“, sagte ich deshalb nur grinsend und erntete ein verständnisloses Kopfschütteln.
von Simone Schmitz