Virtual Boy: Der verlorene Sohn
Was haben die Titanic und Nintendos Virtual Boy gemeinsam?

Beide verschwanden kurz nach ihrer Fertigstellung in der Versenkung. Die einen kostete dies ihr Leben, die anderen vermutlich ihren Arbeitsplatz. Um an einen Virtual Boy ranzukommen müsst ihr aber zum Glück nicht auf den Grund des Polarmeeres tauchen, sondern nur bei den bekannten Online Auktionshäusern reinschneien. Der Suchbegriff: „Überteuerte Taucherbrille“ führt zu gewünschtem Ergebnis.
Die 90er und die virtuelle Realität
Irgendwann Mitte der 90er gab es einen Trend hin zur Virtual Reality, ja es gab einen regelrechten Boom. In allen möglichen Filmen und Büchern wurde die Vision einer perfekt simulierten zweiten Realität verarbeitet, Virtual Reality war in aller Munde. Dass auch Videospiele von dieser Fiktion nicht unberührt blieben, lässt sich an einer einer Hand abzählen. Als Pioniere der Virtual Reality (Militärprojekte ausgeschlossen) seien an dieser Stelle die Entwickler von Amiga genannt, die ’91 mit ihrem 1000 CS eine der ersten markttauglichen 3D Brillen-Simluations-Plattformen herausbrachten. Dies war eine Plattform auf der der Spieler stand. Zusätzlich war sie mit einem 3D Joystick und Helm ausgestattet. Der Markt für Heimkonsolen blieb vorerst unangetastet, denn das Konzept war eigentlich für Spielhallen und Arcadehöllen vorgesehen. Inspiriert durch diesen Durchbruch, folgten Versuche, die virtuelle Realität aus den Hallen in die Wohnzimmer zu bringen. So versuchte es unter anderem auch Nintendo mit dem verlorenen 32bitter und sollte damit einen der größten Flops der Firmengeschichte erfahren.
Eigentlich sollte alles gut werden
Die Vorzeichen waren eigentlich auf Erfolg gepolt, denn für die Entwicklung des Virtual Boys war kein geringerer verantwortlich als der Godfather des Game Boys, Gunpei Yokoi (*10. September 1941; † 4. Oktober 1997). Konnte der Virtual Boy dann noch floppen? Ja, das konnte er…Im Jahre 1995 war es dann soweit. Nintendo veröffentlichte den Virtual Boy, um erstens Sony und Sega Konkurrenz zu machen und zweitens, um die Zeit bis zur Veröffentlichung des Nintendo 64 zu verkürzen und drittens einen Nachfolger für den Game Boy zu präsentieren. Das der Zeitpunkt dadurch denkbar schlecht war lässt sich nachvollziehen. Die meisten Handheldbesitzer spielten munter mit ihren Game Boys weiter, die Anhänger der neuen Konsolengeneration hatten sich gerade erst für eine der beiden stationären Konsolen von Sega oder Sony entschieden und der Rest wartete lieber auf das N64. Warum sollte also jemand 180$ für einen Lückenfüller ausgeben, der weder richtig Handheld, noch Heimkonsole war?
Das ist rotes Licht. Es leuchtet rot!
Die Technik des VB ist ein 32bit RISC Prozessor, der mit 20 Mhz getaktet ist. Die maximale Auflösung des VB’S entspricht 384 x 224. Der eigentliche Clou des VB’s sind jedoch nicht die reinen Zahlen, sondern zwei oszillierende Spiegel. Die Spiele werden mittels monochrom roter LED’s auf diese Spiegel projiziert. Jeweils ein Spiegel in jedem Sichtfenster projiziert jeweils ein unterschiedliches Bild auf das Auge des Betrachters. Durch den Umstand, dass die projizierten Bilder, betrachtet man sie unabhängig voneinander, leicht verschoben sind, entsteht der Eindruck von wirklicher Tiefe. Der Effekt ist ungefähr mit den 3D-Brillen vergleichbar, die einen Rot/Grün-Filter benutzen und vermutlich jedem dritten YPS-Heft beilagen. So etwas in bewegten Bildern zu sehen und steuern zu können macht mehr Spaß, als ich zugeben möchte. Auf der Verpackung des VB’s gab es zudem aufgrund dieser Technik einen Warnhinweis, der darauf hinzeigte, dass man von zu viel Spielen Kopfschmerzen und Übelkeit bekommen könnte. Also wenn das mal kein Kaufargument ist, dann weiß ich auch nicht weiter. Auf dem Jahrmarkt bezahlt man doch auch 5 Euro, damit einem im Karussell speiübel wird. Nur leider sollte die Rechnung nicht ganz aufgehen.
Die Taucherkonsole
Die Konsole selbst ist im typischen Look einer Virtual Reality Brille gehalten. Das rote Gehäuse besitzt Anschlüsse für einen Controller, einen Kopfhörer und für ein Linkkabel, um zwei VB’s miteinander zu verbinden. Dieses Feature wurde allerdings nie unterstützt. Der Gameslot befindet sich unter der Konsole. Vorne befinden sich zwei Sichtfenster, die einen durch roten Kunststoff blicken lassen. Die Konsole selbst wird nicht wie andere Genrevertreter auf dem Kopf getragen, sondern befindet sich auf einem Standfuß, der dazu dient, die ganze Apparatur zu befestigen. Damit wären wir schon bei einem der Hauptprobleme angelangt. Mit 22cm ist der Standfuß schlicht und einfach zu klein. Außerdem ist er nicht höhenverstellbar, was bedeutet, dass eigentlich alle, die damit spielen, eine verkrampfte Haltung einnehmen müssen. Den Krankengymnasten freut’s, den Spieler weniger.
Der Controller
Der Controller erinnert am ehesten an einen Playstation Controller besitzt aber dennoch gravierende Unterschiede zu diesem. Er hat ähnlich wie das NES eine A und B Taste, sowie Start und Select. Die L und R Tasten hat man sich beim SNES abgeguckt und die Form ist letztlich eine missglückte Kopie des Sony Controllers. Zudem besitzt er zwei Steuerkreuze, die aber meinem Wissen nach nur in einem Spiel genutzt werden. Ansonsten spielt man die klassisch mit einem Steuerkreuz. Im Controller ist ebenfalls das Batteriefach untergebracht. Ganze 6 AA Batterien schluckt der VB in 4-6 Stunden Spielzeit. Was das in Weight Watchers Punkten ist, möchte ich gar nicht ausrechnen.
Die Spiele
Die Spiele sind etwas größer als handelsübliche Game Boy Spiele und besitzen auch die typischen Aufkleber, damit der Spieler weiß welches Spiel man denn gerade einlegt. Wenn ich aber etwas am Virtual Boy wirklich schätze, dann ist das die Art und Weise, wie diese Cartridges verarbeitet sind. Nicht nur, dass die Pins nicht freiliegen, nein, jedem Spiel wurde auch noch eine eigene Schutzabdeckung spendiert, damit kein Staub in die Cartridges eindringen kann. Apropos Spiele, davon erschienen nur etwas über 20 Stück, was ein eindeutiges Indiz für den schnellen Misserfolg des VB’s sein sollte. Die Spielehersteller zögerten ob der neuen Technik und trugen damit zum schnellen Tod der jungen Konsole bei. Gerade mal ein Jahr dauerte der Lebenszyklus des unliebsamen Spielgeräts.
Ein Blick in die Glaskugel
Virtual Reality hat sich nicht durchgesetzt und wird sich meines Erachtens auch nicht durchsetzen. Es ist einfach unbequem, ihr seid von der Außenwelt abgeschottet und das ganze zieht auch noch den Mief eines längst gestorbenen Traums der 90er nach sich. In den nächsten Teilen des Specials werde ich euch nach und nach die Spiele des VB vorstellen, um euch einen Eindruck davon zu vermitteln, was den VB trotz seiner Einzigartigkeit, so (unter)durchschnittlich gemacht hat, oder ob sich nicht vielleicht doch die ein oder andere Spieleperle auf dem Virtual Boy finden lässt.