
FIFA 06

FIFA 06
NGC
- Genre
- Sportspiele
- Entwickler
- EA Sports
- Publisher
- EA Sports
- Spieler
- 1 lokal
Gute Freunde kann niemand trennen, gute Freunde... Ach, Mannschaftssport ist doch etwas Schönes! Und mit FIFA 06 schickt sich EA an, die Führung – oder zutreffender: das Monopol – im digitalen Balltreten auf dem GameCube auszubauen – und das ohne hochgejubeltes Feature, sondern mit dem lobenswerten Ansatz, einfach ein besseres Fußballspiel abzuliefern. Eine weise Entscheidung!
Träumen vom perfekten Volley
Schon das beachtliche Intro mit Originalaufnahmen von hübschen Traumtoren wird mit nahezu konfuzianischen Weisheiten in philosophische Höhen getrieben. Da werden Torschützen mit Helden verglichen, die nach ritterlichen Tugenden wie Ehre und Treue in die Schlacht ziehen. Wie Sir Peter Ustinov schon sagte: Fußball ist die moderne Form des Krieges. Die Arena tobt, die Fans grölen – und mittendrin ihr: Ihr seid Wayne Rooney, ihr seid Ronaldinho, ihr seid Lukas „Nisch-nachdenken-bis-datt-Netz-wackelt“ Podolski. Auch für den Startbildschirm hat man sich bei EA etwas Besonderes einfallen lassen: Ihr lauscht Originalkommentaren zu geschichtsträchtigen Fußball-Klassikern. Neben dem legendären „Tooor, Toor, Tooooor“ von 1954 darf auch Brehmes „italienisches Tor“ nicht fehlen. Schade, dass solch emotionsgeladene Kommentare so selten sind. Aber wen wundert’s: Viel Anlass für verbale Orgasmen gibt die deutsche Nationalmannschaft ja derzeit nicht her.
Eier haben für Management-Schelte
Wie für FIFA typisch, ist das Menü wieder einmal stattlich gefüllt. Da wäre zunächst der fünfzehn Jahre umfassende Manager-Modus zu nennen. Aber Geduld, liebe Fußballfreunde! Gerade wenn ihr euch dazu entscheidet, eine schwächere Mannschaft zum Meistertitel zu führen, gehören anfängliche Frustanfälle zur Tagesordnung. Die Spieler sind träge, wirken unbeholfen und scheinen eure Tasteneingaben mitunter zu ignorieren. Erst im Laufe der Zeit, mit eurem Eingreifen als Trainer, verbessern sich die Fähigkeiten der Akteure. Lasst euch also nicht gleich aus der Ruhe bringen. Das neue Team-Chemie-Feature spielt dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle und ist eine Neuheit in der FIFA-Reihe, die das Gameplay auf sehr sinnvolle Art und Weise taktisch erweitert. Es zeigt an, wie gut eine Mannschaft aufeinander abgestimmt ist. Nichts ist natürlich so gesund für eine aufstrebende Elf wie ein Sieg gegen einen Rivalen. Etabliert aber darüber hinaus über längere Zeit einen festen Kern an Stammspielern und achtet darauf, die Fußballer ihrer favorisierten Position zuzuweisen und nicht zu lange auf der Bank sitzen zu lassen. Anhand der Anzeige für die Team-Chemie könnt ihr bei der Aufstellung gleich nachvollziehen, wie sich das Klima in eurer Mannschaft verändert. Auf das Gameplay wirkt sich eine hohe Team-Chemie auf die Genauigkeit von Pässen und Flanken aus und wie gut Laufwege erahnt werden. Schwächere Technik kann durch einen guten Teamgeist aufgefangen werden. So können selbst kleine Clubs über sich hinauswachsen. Ein erschreckendes wie realistisches Beispiel für miserable Team-Chemie ist übrigens Real Madrid mit 39 von möglichen 100 Punkten - gar nicht königlich. Ähnlich fordernd sind auch einige der zahlreichen Challenges. Dabei handelt es sich um Aufgaben, die ihr während eines Spiels oder über einen längeren Zeitraum bewältigt. Als klassisches Beispiel gilt da die Meisterschaft in einer bestimmten Liga auf einer vorausgesetzten Schwierigkeitsstufe. Ganz pfiffig sind aber auch Herausforderungen, in denen ihr beispielsweise mit einem Spieler, der erst nach der 75. Minute eingewechselt wird, ein Tor schießt. Oder wie wäre es, mit drei verschiedenen Kickern gegen ein Team aus einer vorgegebenen Zone dreimal zu treffen? Für die Bewältigung der Aufgaben winkt dann – je nach Härtegrad – mehr oder minder saftiger Punktezuwachs auf eurem Konto. Im Menü unter „FIFA Shop“ lassen sich die Punkte dann gegen Nützliches oder weniger Nützliches eintauschen. Classic- oder All-Star-Teams können freigeschaltet werden, Trikots, Fangesänge oder Fußballerbiografien erspielt werden. EA gelingt es, den Spieler mit den vielfältigen Belohnungen bei Laune zu halten.
Schluss mit dem Schnick-Schnack
Manager- und Herausforderungs-Modus klingen wirklich motivierend. Der Umfang ist schlichtweg gigantisch und 10.000 Spieler aus 26 Original-Ligen sind beeindruckende Zahlen, die EA auf den Tisch legt. Aber all das wäre wertlos, wenn ein entscheidender Faktor nicht stimmen würde: das Gameplay. Aber keine Sorge – FIFA 06 baut auf den Vorgängern auf und darf sich einiger sinnvoller Änderungen erfreuen. Der Vertreter aus dem letzte Jahr hat die träge 2004er-Version durch einen verbesserten Spielfluss überflügelt. FIFA 06 setzt an dieser Stelle an: Aber anstatt wieder ein neues, gehyptes Feature wie den First Touch oder die Off-the-Ball-Control einzuführen, findet in diesem Jahr eine Art Rückbesinnung statt, ein Feintuning, wenn man so will. Die von den Spielern selten genutzte Off-the-Ball-Steuerung wurde ersatzlos gestrichen. Vorbei die Zeiten, in denen ihr mittels Z-Knopf einen von drei Spielern wählen durftet und diesen dann via X mit einer zielgenauen Flanke oder via Y mit einem Zuckerpässchen versorgt habt. Vermissen werdet ihr das Feature nicht, denn vor allem Flanken und Seitenwechsel gehen so leicht von der Hand wie nie zuvor. Hin und wieder kommt es aber vor, dass der ballführende Kicker nicht den von euch auserkorenen, sondern einen ganz anderen Teamkollegen anspielt. Das fällt vor allem bei den frühen Flanken mit gedrückter L-Taste und X auf, sowie bei den Pässen in den Lauf mit Y. Nichtsdestotrotz ist das eher die Ausnahme: Kopfballtore nach getimten Hereingaben in den 16-Meter-Raum funktionieren wirklich fantastisch. Zusammen mit dem schon sehr guten Passspiel und der nochmals verbesserten C-Stick-Ballverwertung im Moment der Ballannahme hat man bei FIFA 06 im Gegensatz zu den Vorgängern der letzten Jahre ein besseres Spielgefühl; fast alles läuft so, wie man es auch geplant hat. Für die Strategen unter den Sofa-Sportlern gibt es jetzt auch Taktikumstellung, ohne dass das Match unterbrochen werden muss. Drückt ihr eine Richtung auf dem Digitalpad, stellt ihr eure Angriffstrategie um. Ob ihr dabei den Fokus auf einen schnellen Konter legt oder es vorzieht, über die Flügel zu spielen – ein Tastendruck genügt. Mit gehaltener linker Schultertaste und einem Druck auf eine der vier Steuerkreuz-Richtungen entscheidet ihr euch für eine der Spielphase entsprechenden Defensiv-Strategie, die selbstverständlich ihre Vor- und Nachteile haben. Fällt eure Wahl auf Pressing, so zieht es eure Mittelfeldspieler und Stürmer weit nach vorne, um den Spielaufbau des Gegners frühzeitig zu stören. Dafür kann ein solcher Druckaufbau auch einfach durch präzise Flanken nach vorne oder sicheres Passspiel ausgehebelt werden. Wie wäre es mit einer Abseitsfalle? Die Abwehrspieler rücken auf einer Linie nach vorne, um etwaige Sturmspitzen des Gegners im Regen stehen zu lassen. Diese Einstellung sind anfangs vielleicht etwas kompliziert und überfordernd, aber man merkt die Veränderungen im Spielverlauf deutlich. Gerade diejenigen unter euch, die das Gameplay ganz ausschöpfen wollen, sollten sich mit der taktischen Raffinesse von FIFA 06 vertraut machen. Habt ihr den Vorgänger gespielt, ist euch dort eventuell die bei den meisten Teams tendenziell sehr nach hinten verlagerte Abwehr aufgefallen. Bei der 2006er-Version hingegen stehen euch die Verteidiger viel früher auf den Füßen und decken ihren Gegenspieler auch wesentlich enger. Euch steht jetzt noch weniger Zeit zur Verfügung, euch umzuschauen und den passenden Anspielpartner auszuwählen. Schwupps, schon ist das Leder wieder weg! War es bei FIFA 2005 ein Leichtes, einem Abwehrspieler bei einem Sololauf auf das Tor mit Hilfe des nach vorne gedrückten C-Sticks abzuhängen, sind die Verteidiger in diesem Jahr viel flinker und luchsen dem Angreifer schon früh die Kugel ab. Dazu reicht es, den Spieler einfach mit dem Analog-Stick zu bedrängen oder sich auf einen Zweikampf mit dem B-Knopf einzulassen. Abzuraten ist in den meisten Fällen von der Grätsche mit Y, die verglichen mit den „Prequels“ konsequent geahndet wird. Der Schiri greift schnell in die Hosentasche und zieht bei einer Frustgrätsche ohne zu zögern die rote Karte. Seid also auf der Huth! Einen großen Schwachpunkt stellt die künstliche Intelligenz der Torhüter dar. Ist ihr Verhalten auf der Linie noch nachvollziehbar, so leisten sie sich beim Herauslaufen (oder besser gesagt: beim Nicht-Herauslaufen) zu häufig grobe Schnitzer. Sie bleiben oft still und stumm in ihrem Kasten, auch wenn der in Euphorie schwelgende Stürmer schon bis auf einen Meter herangekommen ist. Glücklicherweise könnt ihr diesen bösen Programmier-Fauxpas umgehen, indem ihr mit gehaltener Y-Taste Olli und Co. manuell aus dem Tiefschlaf weckt und sie aus dem Kasten jagt.
Einfach rein, das Ding!
Einen ebenso bitteren Nachgeschmack hinterlassen auch die direkten Freistöße. Aus unerfindlichen Gründen hat man den Zielkreis und die Drall-Anzeige entfernt. Ihr steht mit eurem Kunstschützen also vor dem Ball und könnt nur grob einschätzen, wohin die Kugel geschossen wird. Da wird die neueste Ausgabe von FIFA wegen ihres freieren Spiels gelobt und dann beschert uns EA wieder ein Freistoß-System, das entweder auf einer guten Portion Glück oder aber auf viel Austüfteln basiert. Um den Freistoß dann auszuführen, müsst ihr den B- oder X-Knopf im richtigen Moment loslassen; dann werden Genauigkeit und Schusskraft optimiert. Die Eckstöße sind hingegen aus ÜFA Champions League 2004/2005 übernommen und dürfen zweifellos als gelungen bezeichnet werden. Ihr bestimmt mittels eines Pfeils, wohin der Ball in den Strafraum gezirkelt wird. Je länger ihr euren Daumen auf dem Schuss-Button haltet, desto weiter befördert ihr die Kugel in den 16-Meter-Raum. Über Einwürfe und Abstöße kann jedenfalls nicht gemeckert werden, sodass sich die Standard-Situationen insgesamt als zweischneidiges Schwert herausstellen.
Präsentation: Weltklasse!
Ganz ohne Tadel kommt die Präsentation aus: Es ist schon beachtlich, was EA hier auffährt, um eine tolle Stadionatmosphäre zu erzeugen. Ja, hier fühlt sich der Fußballer heimisch! Die Soccer-Mekkas sind ungemein detailliert designt, die Fangesänge richten sich nach den Mannschaften auf dem Feld und selbst die Kommentatoren sind in diesem Jahr größtenteils von ihrer unpassenden Schleifenrhetorik befreit. Daneben glänzt auch der bunte Soundtrack, der internationalen Flair versprüht. Grafisch hat sich nicht mehr allzu viel zur 2005er Version geändert, die Animationen wurden lediglich im Detail verbessert. Leider schleichen sich in den Spielverlauf immer wieder garstige Ruckler ein, vor allem bei halbhohen frühen Flanken oder öffnenden Pässen. Habt ihr jedoch drei Sportfreunde zusammengetrommelt, dann sind kleinere technische Eskapaden schnell vergessen. Entweder spielt ihr gleich drauflos oder bastelt euer eigenes Turnier in der FIFA Lounge. Im Mehrspieler-Modus offenbart das Game einfach Spielspaß auf Weltniveau. Wenn die deutsche Nationalelf mal wieder ein Spiel abliefert, für das man sich schon beim Zuschauen schämt, kann man sich in der Halbzeitpause die ganze Frustration von der Seele spielen. Danke, EA!
Fazit
FIFA 06 kann sich aufgrund vieler Detailverbesserungen vor der Vorjahres-Version platzieren. Das Gefühl, Kontrolle über den Spielverlauf zu haben, hat sich noch einmal gesteigert. Trotz Schwächen bei der Torhüter-KI und direkten Freistößen bleibt FIFA 06 ein exzellentes Fußballspiel mit großem Umfang, das seine ganze Pracht im Mehrspieler-Modus zeigt.
Vielen Dank an die Firma Electronic Arts für die Bereitstellung des Testmusters.

